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Die Kultur in der Sozialarbeit

Immer noch halten wir gerne an Vorurteilen fest, wenn es um die Anerkennung Behinderter geht. Das zeigt besonders die tägliche Praxis in der Betreuung dieser Menschen. Wieviel tatsächliches kreatives Potenzial in jedem einzelnen von ihnen steckt, weiß der Autor auf unmissverständliche Weise klar zu machen. Er öffnet neue und befreiende Perspektiven der Wahrnehmung. We are still prone to cling to prejudices concerning the recognition of handicapped persons. That is to be observed in the day-to-day practice in looking after these people. How much factual, creative potential sits in each of them the author is able to make clear without any doubt. He opens new and liberating perspectives for awareness.

Als Junge konnte ich das Wort »Necessaire« weder schreiben noch aussprechen. Stattdessen gebrauche ich bis heute standhaft den Ausdruck »Kulturbeutel«. Der Kulturbeutel als das Behältnis für Zahnbürste und –pasta, Seife und Waschlappen. Daher muss – so denke ich – zumindest deutsche Kultur zunächst und zuvörderst

etwas mit Sauberkeit und Hygiene zu tun haben.
Deren speziellere Erscheinungsformen sind besonders in diakonischen Einrichtungen zu betrachten, aber natürlich nur bei den anderen, die heute Abend nicht da sind, nicht bei uns selbst. Diese beim Betreten eines Altersheims in die Nase steigende Mischung aus Lysol und Diakonissenschweiß, der mit weinrotem Kunstleder bezogene Stuhl am Esstisch des Speisesaals, der sorgsam gewachste, spiegelblanke Boden auf dem Flur und der lindgrüne Wandanstrich, der so furchtbar beruhigt. Saubere, hygienische
Leitkultur deutscher Diakonie, – wie gesagt – natürlich immer anderer Träger, die heute nicht zugegen sind. Kultur ist jedoch
unter Gebildeten mehr. In der Kultur kumuliert die umfassende Wirkung von Musik und Theater, von Medien, Kunst und Architektur, von Anstand und Stil im gesellschaftlich–politischen, aber auch individuellen Bereich, von Atmosphäre und Geschmack, von Tradition und Ethik.
Ausgesägte Holzelefanten, selbst gestrickte Kaffeekannenuntersetzer, Topflappen und Mützen, handgefertigte, dickwandige Keramikbecher als praktische Ergebnisse von Beschäftigungstherapien sind häufig genug immer noch einziger kultureller Ausdruck helfender Bemühungen in diakonischen Einrichtungen anderer Träger.
Diese Produkte werden auf Wohltätigkeitsveranstaltungen angeboten und von Menschen gekauft, die etwas Gutes tun wollen. Diese Form der Kultur ist aus analytischer Perspektive aber nur ein Spiegelbild der barmherzigen Herablassung, die entsteht, wenn Mitleid erheischt, aber gleichzeitig eine Haltung perpetuiert wird, die Menschen aus dieser Lebenswelt nichts zutraut. Ich bedaure Dich, weil ich sehe, was Du nicht kannst. Diese Defizit orientierte Betrachtung lähmt, weil sie Menschen eingrenzt und ihre Potenziale nicht sehen kann. Dabei sind gerade Menschen dieser Lebenswelt, Menschen mit Behinderungen, oft besonders begabt: im Theater spielen, beim Musik machen, in den bildenden Künsten. Die kulturellen Produkte dieser Menschen sind genauso gut oder genauso schlecht wie die Produkte derer, die als normal gelten. Und darüber hinaus machen wir die Feststellung: Häufig gibt es besondere und spezielle Begabungen, die es im Bereich der so genannten Normalität nicht gibt.
Ich denke an die eindrucksvollen Aufführungen des Sommernachtstraums auf Kampnagel (Experimentierbühne des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg; Anm. d. Red.) mit Schauspielern aus der Evangelischen Stiftung Alsterdorf (siehe Seite 28), Menschen mit geistiger Behinderung. Einen solchen Wald bei Athen voller authentischer Elfen und Trolle hat es im kommerziellen Theater bisher selten gegeben. Ein »normaler« Schauspieler hat viel mehr Hemmungen, seine Phantasien auszuleben. Es ist ein Riesenerfolg, wenn es gelungen ist, dass die Kulturbehörde für das neue Theaterprojekt auf Kampnagel einen Zuschuss aus dem Topf für Theaterarbeit mit ganz »normalen« Schauspielern gibt.
Die Station 17 der Evangelischen Stiftung Alsterdorf hat ihre fünfte CD erfolgreich auf den Markt gebracht und ist in allen einschlägigen Musikzeitschriften und auf allen Musikkanälen in Radio und Fernsehen zu finden. Die Station 17 ist Teil der kommerziellen Musikkultur geworden, und damit hat sich auch die Wahrnehmung der musikproduzierenden Menschen verändert. Das hat hoffentlich langfristig positiven Einfluss auf das gesellschaftliche Bild des Menschen mit Behinderungen.
Die Schlumper Maler sind seit langem ein Geheimtipp auf dem Kunstmarkt. Erstmals scheint es zu gelingen, aus dieser kulturellen Tätigkeit behinderter Menschen einen richtigen Broterwerbsberuf zu machen. Die Kultur der Menschen mit Behinderungen konnte sich professionalisieren, weil Menschen mit Behinderungen nicht mehr als Objekte herablassender Fürsorge gesehen werden. Als selbstbestimmte Subjekte haben sie wie alle anderen Menschen auch ein Recht auf Selbstverwirklichung und volle Teilhabe an der Gesellschaft. Behindertenhilfe ist dann nichts anderes, als zielgerichtet und individualisiert Assistenz und Unterstützung zum Zwecke der Emanzipation und Autonomie von Menschen mit Behinderungen anzubieten. Es geht um das Erbe des Protestantismus: Um die Freiheit eines Christenmenschen, eines Christenmenschen mit Behinderung. Endlich muss Schluss sein mit dem Gerede von der »Heilpädagogik«. Wer heilt wen – ein Mensch mit Behinderung ist nicht krank – und wer erzieht wen – in wessen Auftrag und wozu? Es gibt keine Sozialanwaltschaft ohne ausdrückliches Mandat von Individuen. Aber es gibt immer noch sehr viele Zeitgenossen mit Bevormundungsphantasien und Helfersyndromen.
Die Menschen mit Behinderungen haben den entsprechenden Freiraum bekommen, den sie zu ihrer Selbstverwirklichung brauchen. Damit ist die von ihnen geschaffene Kultur normal geworden und vergleichbar. Ihre Güte oder Qualität wird nicht mehr aus dem Blickwinkel des Produzierenden (wie bei der unsäglichen »Blindenware«), sondern ausschließlich im Blick auf das Produkt gemessen. Damit gibt es gute und schlechte Kultur. Kultur, die sich auf dem Markt durchsetzt oder auch nicht, aber keine Kultur mehr, die Mitleid erheischen kann oder nicht.
Die Kulturschaffenden begegnen einander und dem Publikum plötzlich auf gleicher Augenhöhe – ob sie normal oder behindert sind, verrückt oder angepasst, gesund oder krank, rothaarig oder blond, reich oder arm. R.B.
Der Beitrag ist mit freundlicher Genehmigung des Autors seinem Buch »Menschen bewegen Texte aus Alsterdorf« entnommen. In den ebenso sensiblen wie kritischen Beiträgen skizziert Rolf Baumbach sein Verständnis einer modernen protestantischen Diakonie. Das mit hohem Anspruch gestaltete Buch kann nur über die Stiftung Alsterdorf zum Preis von 28,50 Euro bezogen werden: Evangelische Stiftung Alsterdorf, Vorstandssekretariat, z.H. Frau Förster; Alsterdorfer Markt 4, 22297 Hamburg, Tel: (040) 5077 3213