Revitalisierung und Konversion Jungbusch und Verbindungskanal Mannheim

Die Choreografie eines Wandels

Wer mit dem Zug am der Stadt zugewandten Verbindungskanal in Mannheim vorbeifährt, sieht trotz zweier Neubauten noch kein grundlegend erneuertes Quartier, denn die beiden unter strategischen Gesichtspunkten angesiedelten Häuser für die Popakademie und das Musik-Gründerzentrum orientieren sich eher an der Umgebung, als ihr durch Signale des Aufbruchs entgegenzu treten. Dahinter verbirgt sich eine Strategie, die Im- pulse von außen sowie architektonische und städtebauliche Interventionen behutsam der Situation im Viertel anpassen und mit einer Entwicklung von innen heraus zur Deckung bringen will. As seen towards the town from the train along the connecting canal in Mannheim no fundamentally renewed quarter is recognizable, despite two new buildings. The newly erected houses for the Pop Academy and the Musik-Gründerzentrum are orientated more towards their surroundings than challenging them. This accords with a strategy of combining external stimuli – as well as carefully adapting architectural and town planning aspects to the situation in the quarter – with an internally generated development.

Text: Ulrich Pantle

Fotos: Frank Robert
Für das Stück Land zwischen Rhein und Neckar ließ Kurfürst Friedrich IV. von der Pfalz am 24. Januar 1607 mit einem Prospekt Neubürger anwerben, was als Gründungsdatum der Stadt Mannheim gilt und ihr in zwei Jahren das vierhundertjährige Stadtjubiläum beschert. Seit 1879 markiert der Verbindungskanal die Grenze zwischen Innenstadt und Hafen; in der annähernd dreieckigen Restfläche zwischen Kanal, Neckar und dem ringförmigen Rand der Innenstadt liegt der Stadtteil Jungbusch.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich der Hafen immer mehr zu einem Industriehafen mit Warenumschlag, in dem Wasser, Schiene und Straße gleichermaßen bedient werden. Nicht zuletzt brachte dem Hafen die optimale Anbindung an das nationale Schienennetz den Standortvorteil als logistische Schnittstelle, der ihn bis heute stärkt und profitabel macht.
Mit der obsolet gewordenen Nutzung des Verbindungskanals als Umschlagsplatz für Getreide sowie dem Ausbau der bestehenden Riedbahntrasse zur ICE-Strecke wurde das Gebiet um den Verbindungskanal zu einer Zone, die weder zum Hafen noch zur Stadt gehört. 30000 Zugreisende fahren täglich an der westlichen Wasserfront der Stadt entlang, ihnen wird mit dem traurigen Bild eines städtischen Hinterhofes keine positive Außendarstellung der Stadt präsentiert.
Wandel im Quartier Auch im Stadtteil Jungbusch vollzog sich in den letzten Jahrzehnten ein grundlegender Strukturwandel. Das marginalisierte Quartier, in dem die Arbeitslosenquote sowie die ethnische Vielfalt überdurchschnittlich hoch und das Bildungsniveau niedrig sind, mussten nicht nur viele der Einzelhändler schließen. Auch der letzte Striptease-Club gab jüngst in dem ehemals als Rotlichtviertel geltenden Quartier auf. Doch nicht zuletzt aufgrund dieser Heterogenität ist der Jungbusch für zahlreiche Kreative interessant, die hier mitunter die Differenz zu anderen Stadtteilen inszenieren und damit die spezifische Identität des Jungbuschs prägen. Insofern ist es weniger ein vermeintlich schlechtes Image als eher eklatante Probleme wie die Belästigungen durch den Straßenverkehr, fehlende Grundversorgungseinrichtungen sowie zu wenige und qualitätsarme Freiräume, die dazu führen, dass diejenigen, die es sich leisten können, das Viertel alsbald verlassen. Eingeschnürt zwischen Hafen und Cityring fehlte dem Quartier lange jegliche Entwicklungsmöglichkeit. Erste Sanierungsbestrebungen konzentrierten sich daher in den 80er Jahren primär auf Spielflächen und verkehrsberuhigte Zonen. 1996 gründete sich zur weiteren Stabilisierung des Quartiers die Zukunftswerkstatt Jungbusch.
Rahmenplan und Quartiersentwicklung Angesichts dieser Situation entschied sich die Stadt in einem stadtpolitischen Kraftaft Ende der 90er Jahre dazu, am Kanal neue Impulse zu setzen. In einem integrativen Planungsprozess wurden die drei Aspekte Stadtplanung, Verkehr sowie Kommunikation und Beteiligung als Schwerpunkte definiert und 2000 entsprechende Planungsaufträge vergeben. Ziel war die Erarbeitung eines übergreifenden Rahmenplans für den Stadtteil Jungbusch und Verbindungskanal. Während das Büro Steteplanung aus Darmstadt die Möglichkeiten alternativer Verkehrsführungen prüfte, untersuchte bueroschneidermeyer (Stuttgart) zukunftsfähige planerische Entwicklungsmöglichkeiten für die etwa dreißg Meter breiten und 1,5 Kilometer langen Uferzonen am Verbindungskanal zwischen Rhein und Neckar. Es folgte ein Jahr intensiver Gespräche, Diskussionen und vier von Ursula Stein vom Büro für Raumplanung und Kommunikation (Frankfurt) moderierte Workshops, an denen die beteiligten Planer, Eigentümer, Investoren, Bewohner, Mitglieder von Religionsgemeinschaften, Bildungs- und Sozialeinrichtungen sowie Vertreter der Stadtverwaltung teilnahmen. In diesen Partizipationsprozessen, die noch weitergeführt werden, konnten vor allem Bedarfe und Nutzungsanforderungen präzise geklärt werden. Die Gestaltung der öffentlichen Räume obliegt büroschneidermeyer.
Durch die deutlichen Strukturprobleme Mannheims konnte der Umbau des Gebiets in das »Ziel-2-Programm« der EU aufgenommen werden, wodurch die Stadt bis 2008 insgesamt knapp 14 Mio Euro aus dem Fond für regionale Entwicklung erhalten wird. Das Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg wird weitere knapp 4 Mio Euro beisteuern.
Der im Sommer 2001 vorgestellte Rahmenplan sieht für den Bereich des Verbindungskanals eine räumliche und funktionale Verknüpfung mit den angrenzenden Innenstadtbereichen vor. Zugleich soll ihm durch bauliche Projekte deutlicher ein eigenes Gesicht gegeben werden. Als Rahmen entwickelte bueroschneidermeyer eine stabile Freiraumstruktur, die eine klare Identität formuliert und Baufelder für eine heterogene Bebauung ausweist. Das hierfür vorgesehene Nutzungsspektrum reicht von Wohnen und Arbeiten in getrennter und kombinierter Form bis zu öffentlichen Einrichtungen aus den Bereichen Bildung und Freizeit. Als wesentliches städtebauliches Element dient eine öffentliche Promenade entlang des Kanals, die großräumlich Rhein und Neckar verbindet, damit für Fußgänger und Fahrradfahrer eine Vernetzung der Freiräume um die Innenstadt herstellt und zugleich den Jungbusch aufwertet.
Das Gebiet ist von Norden nach Süden in sechs Abschnitte geteilt. Die nördlichen Abschnitte zwischen Kurt-Schumacher-Brücke und Neckar werden in einem ersten Bauabschnitt bis zum Stadtjubiläum 2007 verwirklicht, was auch dem dringlich formulierten Bedarf aus dem Jungbusch entgegenkommt. In rhythmischer Abfolge entstehen quer zur Promenade »Freiraumtaschen«, auf denen sich je nach Lage zum Quartier Freiflächen als Aufenthalts- und Freizeitangebot befinden. In Kürze beginnen die Arbeiten für einen teilüberdachten Quartiersplatz, einen Spielplatz, eine Wiese mit Bäumen, flankiert von kleinräumlichen Maßnahmen, denen später unter anderem eine Skaterbahn und ein kleiner Strand folgen sollen. Das Selbstverständnis von bueroschneidermeyer, wonach Programm, prozessuale Zusammenhänge und Gestaltung gleichermaßen Teil einer planerischen Strategie sind, wird etwa im Umgang mit der Teufelsbrücke deutlich. Als wesentlicher Teil des »urbanen Projektes« bleibt das historische Bauwerk ohne materielle Zutat und wird allein für den Verkehr gesperrt, um zukünftig den Fußgängern und Fahrradfahrern vorbehalten zu bleiben. Indem Fundstücke vor Ort aufgenommen und mit eingebrachten Materialien neu kontextualisiert werden, entstehen auf dem Areal intarsienähnliche Bodenarbeiten, die von markanten Objekten wie einer Spielwand, Rampe oder einem großen Dach begleitet werden. Dazu gehören auch Leuchten, die nicht nur eine Nutzung des öffentlichen Raums bei Dunkelheit gewährleisten, sondern ebenso die Stadtansicht von der Transitstrecke aus ins rechte Licht rücken. Als wichtigen Garant für einen sozialverträglichen Strukturwandel hat die Stadt Mannheim 2002 eine Stelle für das Quartiersmanagement eingerichtet. Seitdem werden unter Leitung des Quartiersmanagers Michael Scheuermann dezernatsübergreifend die Entwicklungen zur Verbesserung der Lebensqualität integrativ vor Ort gesteuert.
So wird eine Künstlerinitiative aus dem Jungbusch im Rahmen des Projektes »Die Teppichmacher« drei Straßenübergänge zur neuen Uferpromenade realisieren. In einem Matrizenverfahren werden die Übergänge wie ornamentierte Teppiche gestaltet, in deren Muster die Wünsche der Menschen im Jungbusch eingearbeitet sind.
Musikpark und Popakademie In das städtebauliche Konzept passte das Gründerzentrum Musikpark ideal. Bot der Neubau doch neben einer wohnverträglichen Nutzung die Chance, mit einem ausdrucksvollen Stadtbaustein eine Impulswirkung auszulösen. Seit seiner Eröffnung im Oktober 2004 profitieren Existenzgründer und Jungunternehmer aus den Bereichen der Musikindustrie von (zeitlich begrenzten) günstigen Mietverhältnissen und einer entsprechenden Infrastruktur. Der Kontakt-Transfer wird ferner unterstützt durch den nur kurze Zeit später fertig gestellten Neubau der Popakademie. Er steht nur wenige Meter vom Gründerzentrum entfernt, gleichfalls am Verbindungskanal und wurde, wie der Musikpark, vom Mannheimer Architekturbüro Motorplan entworfen.
Mit der Materialität der Fassaden wollten die Planer den industriellen Charakter der Umgebung aufnehmen. Die gebauten Ergebnisse entsprechen veredelten Rohbauten, was sicherlich auch dem trotz aller Förderungen knappen Budget geschuldet ist. Erwartungen an spektakuläre Bauten werden damit gleichwohl nicht erfüllt.
Kontinuität und Wandel Die beiden Gebäude sind in kurzer Planungs- und Bauzeit entstanden und stehen jetzt als erste sichtbare Zeichen in dem sich verändernden Quartier. Allerdings gewährleistet die architektonisch beabsichtigte Einbindung der Gebäude in den Kontext durch die Materialität der Fassaden noch keine durchgängige Akzeptanz. Vereinzelt werden bei den Bewohnern Befürchtungen laut, dass den subventionierten Gebäuden eine Luxussanierung des Viertels folgt, die es ihnen unmöglich machen wird, weiterhin dort wohnen zu bleiben.
Dieser Sorge wird jedoch in vielerlei Hinsicht entgegengearbeitet, mit den ersten sichtbaren Ergebnissen im öffentlichen Raum wird sie vermutlich abnehmen. Tatsächlich ergänzen sich die politischen Vorzeigeobjekte aus der Musikindustrie und die Freiraumplanung, denn die öffentlichen Institutionen wirken bei angespannter kommunaler Finanzlage stützend für eine qualifizierte Freiraumgestaltung.
Die Herausforderung für die erfolgreiche Umsetzung der städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme liegt zweifellos im Verhältnis von Kontinuität und Wandel. Dieses Wechselspiel zwischen Neu und Alt gilt es nicht in Form einer Konfrontation, als Entweder-Oder, sondern im Sinne einer behutsamen, aber gleichzeitig deutlich ablesbaren Erneuerung der Verhältnisse zu gestalten. Mit unterschiedlichen Mitteln materialisiert, dokumentiert sich diese Vorstellung in der Freiraumgestaltung wie im Hochbau ähnlich einer Choreografie, in der bestehende Elemente und progressive Veränderungen gemeinsam eingetaktet werden. Die städtebaulichen und architektonischen Interventionen lassen sich in einer strategischen Ambivalenz beschreiben. Sie verzeitlichen den Strukturwandel des Quartiers mit einer vermittelnden Geschwindigkeit, die städtebaulichen Instrumente bieten dabei Möglichkeiten, einer zu raschen Veränderung des Viertels entgegenzuwirken und trotzdem dort Impulse zu setzen, wo neue Initiativen gefragt sind. Wenn dieser Prozess weiterhin sorgsam gestaltet wird, lässt sich zuversichtlich in die Zukunft schauen, dass zum Stadtjubiläum 2007 das Quartier stabilisiert sowie behutsam entwickelt und aufgewertet wird. U. P.
Bauherr: Stadt Mannheim, vertreten durch den Fachbereich Städtebau 61, Projektgruppe Planen und Bauen 2007, Robert Bechtel, Frank Gwildis Rahmenplanung Verbindungskanal (1999 – 2001): bueroschneidermeyer, Stuttgart, Jochem Schneider, Ute Meyer Mitarbeit: Alexander Wäsch Rahmenplanung Verkehr und Nördlicher Jungbusch (1999 – 2001): Steteplanung, Büro für Stadt- und Verkehrsplanung (vormals FRANK und STETE), Darmstadt Bearbeitung: Gisela Stete, Marit Hoffmann, Karin Weber, Martine Koch Bebauungsstudien und Freiraumplanung (2002 – 2005): bueroschneidermeyer, Stuttgart; Mitarbeit: UMA Schneider, Rüdiger Hagg, Alexander Wäsch, Daniel Schönle Beratung: Stadtraum.Gartenraum. Freiraum M. Hink (Schwaigern)