Darmstadt: Tiefgarage wird Theater

Dicke Bretter

Damit der Spielbetrieb während der Instandsetzung des Haupthauses aufrechtgehalten werden kann, wurde an der Stelle, wo sich die mehrspurige Tiefgarageneinfahrt zu dem 1972 als »Drive-In«-Theater konzipierten Hessischen Staatstheater befand, ein Theaterprovisorium errichtet. – Mit Leichtbeton- und Glasbausteinen, leuchtenden Farben und in gedämpftem Licht entstand eine fast glamouröse Theateratmosphäre. In order to sustain theatre production during renovation of the main auditorium, a theatre provisory was built into the space occupied by the multi-lane access to the basement car park, in 1972 conceived here as a sort of drive-in stage of the Hessian State Theatre. Lightweight concrete and glass block partitions, brilliant colours and subdued light have created an almost glamorous theatre atmosphere.

Text: Christian Holl

Fotos: Roland Halbe
Unter der schönsten Nebensache der Welt versteht man normalerweise nicht das Theater. Trotzdem soll es hier um eine Nebensache gehen, die immerhin Bretter betrifft, von denen man sagt, dass sie die Welt bedeuten. Das Staatstheater Darmstadt ist eines der größten der Republik, vier Sparten (Konzert, Tanz, Schauspiel, Oper), insgesamt fast 1600 Plätze – Darmstadt wurde vom Land dafür entschädigt, dass es nicht Landeshauptstadt werden durfte. Der elegante, 1972 eingeweihte Bau von Rudolf Prange ist formal ganz »Kind seiner Zeit«: weit ausholend die horizontale Gliederung des Gebäudes, das als skulpturaler Solitär zwischen zwei Quartieren steht und dem zur Stadt hin über der Tiefgarage ein Park vorgelagert ist. Nach den Jahren des intensiven Spielbetriebs waren Bühnen- und Haustechnik, Brandschutz und Mobiliar nun verschlissen oder nicht mehr auf dem Stand der Zeit; Bauschäden am Beton und der Marmorfassade kamen hinzu – das Haus muss von Grund auf erneuert werden. Den ausgeschriebenen Wettbewerb gewann das Büro Lederer Ragnarsdóttier Oei. Um den Betrieb trotz der notwendigen Sanierungsschritte fortführen zu können, galt es, eine provisorische Bühne zu errichten. Ein Theaterzelt stand zur Diskussion, doch die Architekten hatten eine andere Idee.
Vorfahrt Schauspiel In der Tiefgarage lagen zwischen Parkplätzen und Theater vier, sogar für die Einfahrt von Bussen ausgelegte Durch- und Vorfahrten mit einer quer dazu verlaufenden Zwischenebene als Verbindungsteil zum Foyer. »Verschwendeter Platz« aus der Zeit der Automobileuphorie, den man besser nutzen könnte. Eine Fahrbahn reiche aus, meinten die Architekten, die restlichen drei ließen sich also für den Einbau der Ersatzbühne verwenden. Zwar musste einiges an Überzeugungsarbeit geleistet werden, doch letztlich halfen die praktischen Vorteile den Verantwortlichen bei ihrer Entscheidungsfindung auf die Sprünge: Das Geld konnte mit nachhaltigem Nutzen direkt für das Theater ausgegeben werden, die logistischen Vorteile für den Bühnenbetrieb lagen ohnehin auf der Hand und das Publikum brauchte sich nicht an einen neuen Standort zu gewöhnen. Doch damit nicht genug, es gelang, noch weitere Verbesserungen zu schaffen: Der Pförtner hat nun einen Platz mit Tageslicht, die Mitarbeiter erhielten einen großzügigeren Eingang, die Tiefgarage wird, dank der hinterleuchteten Wand aus Glasbausteinen, wesentlich besser beleuchtet und der Kantine konnte zusätzlicher Raum zur Verfügung gestellt werden. Da eine Maßgabe des Bauherren darin bestand, dass die neue Bühne nicht mehr kosten durfte als es ein Theaterzelt getan hätte, musste Einfaches genügen: rote und dunkelbraune Farbe für die Wände des Foyers und der Bar, Gipskarton und Leichtbausteine als Innenschale des Theaterraums und eine Glasbausteinwand, die die neuen Räume zur Tiefgarage hin abgrenzt und für den nötigen Schallschutz sorgt; der Boden ist aus schwarzem Gussasphalt. Der Kassenraum und eine Sitznische wurden leuchtend rosa gestrichen – wegen ihrer Farbe bekam letztere den Spitznamen Schweinebucht. Mit einfachen Mitteln und dem Charme der Improvisation wurde eine Atmosphäre von Glamour gezaubert. Die neue Bar auf der Zwischenebene der Brücke ist in gedämpftes Licht getaucht und bringt, ebenso wie die großen Kronleuchter aus Roheisen, einen Hauch von Luxus in die Tiefgarage.
Die Fantasie und das strategische Denken der Architekten haben zu einer Lösung geführt, an die wohl keiner gedacht hatte, und die das Budget trotzdem nicht mehr strapazierte als es ein Theaterzelt getan hätte. – Die drei verlorenen Fahrspuren werden jedenfalls nicht vermisst. Zurzeit wird in der Tiefgarage noch das Hauptprogramm gespielt, da die Sanierung des Foyers und seine Öffnung zum Park noch nicht abgeschlossen sind. Die Ersatzspielstätte ist letztlich nicht mehr als eine aus der Not geborene Nebensache. Das Budget dafür entspricht lediglich etwa 4,5 Prozent der gesamten Bausumme. 4,5 Prozent, die sich gelohnt haben, denn nach der Wiederaufnahme des Betriebs auf den eigentlich dafür vorgesehenen Bühnen wird das Provisorium mit seinen 200 Plätzen als Probebühne weitergenutzt werden.
Städtebaulicher Augenöffner Mit der Intervention in der Tiefgarage wurde ein neuer Aufgang zum Theater gebraucht. Auch diese Notwendigkeit haben die Architekten zu einem architektonischen Element zu entwickeln gewusst. Ein neuer, zentraler Treppenhauskörper aus Weißbeton öffnet sich als Eingangspavillon zum Park, eine quergelagerte Esplanade gibt ihm die räumliche Fassung; eine, sich wie ein Trichter öffnende Terrasse auf der Ebene des Obergeschosses schließt an die Terrasse des Foyers an. Von hier aus werden die noch ungenutzten Potenziale sichtbar. So verwischt der Park in seiner jetzigen Gestalt – in rechtwinkligen Rabatten, asymmetrischer Wegeführung und kleinen Nischen – die städtebauliche Beziehung zwischen dem Theater und der im rechten Winkel zum Park liegenden Stadtachse von der Ludwigskirche zum Luisenplatz. Eine neue Platzgestaltung könnte hier für Klarheit sorgen und das Theaterhaus prominenter im Stadtorganismus verorten als es momentan noch der Fall ist. Doch dafür müssen die Architekten noch weitere Überzeugungsarbeit leisten, das Bohren »dicker Bretter« ist also noch nicht abgeschlossen. C. H.
Bauherr: Hessisches Baumanagement, Regionalniederlassung Süd, Darmstadt Architekten: Arno Lederer + Jórunn Ragnarsdóttir + Marc Oei, Stuttgart Projektmanagement: DU Diederichs, Darmstadt Mitarbeiter: Thilo Holzer, Björn Barkemeyer, Ulrike Hautau, Markus Schwarzbach, Tania Ost, Matthias Schneider, Michael Müller, Wolfram Sponer Tragwerksplanung: Professor Pfeifer und Partner Ingenieurbüro für Tragwerksplanung , Darmstadt TGA-Lüftung: Ebert Ingenieure Düsseldorf GmbH, Düsseldorf Bühnentechnik: Gerling + Arendt , Heidelberg Bauzeit: 2003 – 2006 Baukosten: ca. 70 Mio Euro Buttogeschossfläche: 39783 m² Bruttorauminhalt: 231 284 m³