Der philosophische Flaneur

Nietzsche und die Architektur. Von Jörg H. Gleiter. 240 Seiten, 24,80 Euro. Verlag Königshausen und Neumann, Würzburg 2009

~Christian Holl

Jörg Gleiter wurde bekannt als Theoretiker, der die Diskussion um das Ornament in der Moderne mit einem differenzierten Blick bereichert hat. Nun ist seine Habilitationsschrift erschienen, die sich mit Nietzsches Verhältnis zur Architektur beschäftigt. Nietzsche war am Anfang des letzten Jahrhunderts prägend für eine ganze Generation von Architekten, seine Kritik an der lähmenden Kraft der Geschichtsorientierung bereitete mit den Weg in die Moderne. Sein Erbe ist jedoch kein einfaches, sein Werk nicht leicht zugänglich, teilweise in sich widersprüchlich, er ist ein zutiefst ironischer Autor. Umso wertvoller sind Bücher, die den Zugang erleichtern. Gleiter konzentriert sich auf Nietzsches Aufenthalte in Turin, die seiner letzten Zeit des Siechtums vorausgingen. Nietzsche war begeistert von dieser Stadt. In Turin wiederum war ihm ein Gebäude Fixpunkt seiner Überlegungen, die Mole Antonelliana, ein im Laufe des Bauens immer weiter über die geplante Höhe hinaus getriebenes Bauwerk, in dem geschichtliche Zitate in neue semantische Zusammenhänge gestellt wurden. Für Nietzsche, so zeigt Gleiter, war dies ein Ausdruck seines Verständnisses von Décadence, das eben nicht Verfall und Degenerierung, sondern das unaufgelöste Nebeneinander von Erschaffen und Vernichten bedeutete. Die Mole verkörpert – im wörtlichen Sinne – darin die Zweideutigkeit als zentrales ästhetisches Konzept der Moderne, als »höchste Form des Bewusstwerdens« (Nietzsche), ihr Erbauer habe den Gegensatz zwischen dem Apollinischen und dem Dionysischen zu überwinden versucht.
In komplexen Argumentationen knüpft Gleiter daran weitere Themen, wie die Rolle der architektonischen Metapher oder der Kritik Nietzsches an der Architektur der übermäßigen »Intellektualisierung und Semiotisierung«.
So wie die Ornamentdiskussion bereichert wurde, kann man nun Gleiters Arbeit über Nietzsche als Beitrag zu einer aktuellen Diskussion verstehen, als Appell, die Entfaltung einer architektonischen Formensprache nicht erneut durch Geschichtsorientierung zu blockieren. Sie hat es dringend nötig.