Der Glanz der 50er Jahre

~Falk Jaeger

»Wir sind oft unbequem«, kokettiert Norbert Huse, ehemals Denkmalpfleger und heute Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Wüstenrot Stiftung ein wenig. Er meint damit die Kompromisslosigkeit und Hartnäckigkeit, mit der die Stiftung ihre Ziele zu verfolgen pflegt. Von »Mustersanierungen« ist gerne die Rede, wenn sich Wüstenrot etwa das Biblische Haus in Görlitz, das Marientor in Naumburg oder den Einsteinturm in Potsdam vornimmt. Jeder Baumaßnahme geht eine grundlegende Bestandsaufnahme nach allen Regeln der Kunst voraus, die man eher Bauforschung nennen möchte. Danach geht es ans Restaurieren und Konservieren; die Erhaltung überkommener Bausubstanz hat absolute Priorität, Rekonstruktion kommt nicht infrage. Georg Dehio hätte seine helle Freude daran.
Seit einem Jahrzehnt hat die Stiftung einen Schwerpunkt auf die Rettung architektonischer Zeugnisse der 50er Jahre gelegt. Dem Bonner Kanzlerbungalow wurden die Segnungen der Stiftung zuteil, Scharouns Geschwister-Scholl-Schule in Lünen (s. db 1/2011, S. 7) und nun auch dem Aulabau der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee. Es war der Bauhausschüler Selman Selmanagic (1905-86), der als Leiter der Architekturabteilung 1954-56 den Erweiterungsbau mit Eingangsfoyer, Mensa und Aula realisierte; inzwischen ist es der letzte erhaltene seiner Bauten.
1,5 Mio. Euro hatte die Stiftung bereitgestellt, damit die denkmalpflegerische Konzeption erarbeitet und in Bauherrengemeinschaft mit der Kunsthochschule Planung und Bau finanziert. Die Dachkonstruktion war zu sanieren und die Inneneinrichtung der Aula und der Voraula zu restaurieren sowie ein Wandbild von Arno Mohr wiederherzustellen.
Allein aus dem Reinigen und Polieren der Holzoberflächen mit originaler Lackierung machten die Restauratoren eine Wissenschaft. Vorher war alles grau, nun schimmern Rüster und Palisander, Birnbaum und Esche wieder festlich im Glanz der Kronleuchter. Die Notausgangsschilder wurden aufgearbeitet und die originalen Steckdosen in Funktion gesetzt.
So wie dieses geradezu edel zu nennende Interieur der 50er Jahre heute vor Augen steht, kann man sich kaum mehr vorstellen, wie und warum es jahrzehntelang malträtiert worden ist. Besser, es bliebe in seiner Schönheit leer, denn das ärmliche Gestühl, das sich die Hochschule noch leisten konnte, ist schon wieder der erste Schritt zum Niedergang.