CHANDIGARH

Living with Le Corbusier. Von Bärbel Högner. Texte in Engl., Einführung Arthur Rüegg, Essay von Arno Lederer. 176 Seiten, ca. 150 Abb., 32 Euro. Jovis Verlag, Berlin 2010

~Dierk Jensen

Die nordindische Stadt Chandigarh zieht Architekten, Städtebauer und Kulturbegeisterte aus aller Welt magisch an. Das hat gute Gründe. Wirft doch die nach der indischen Teilung von Le Corbusier aus dem Nichts entworfene und ab 1951 erbaute Stadt im Punjab auf einmalige Weise elementare Fragen auf: Was ist stärker – Beton oder Mentalität? Wie sehr formt städtebauliche Struktur den Alltag des Menschen? Sind westliches Denken (Städtebau und Architektur) und indisches Handeln (Bauen, Management) in dieser am Reißbrett entstandenen Stadt, die heute über 1 Mio. Einwohner zählt, tatsächlich eine Symbiose eingegangen?
Nicht auf alle Fragen gibt es Antworten. Insofern ist das Buch der Fotografin und Ethnologin Bärbel Högner ein visueller und inhaltlicher Versuch, sich den Antworten zu nähern, ohne sie alle zwingend beantworten zu wollen. Umso mehr gelingt es ihr, den Leser durch kluge und einfühlsame Texte sowie großartige Fotos in die »jüngste Stadt« Indiens mitzunehmen. Ihre Fotos bringen die heute immer noch kühn wirkenden Pläne und Bauwerke von Le Corbusier und seinem Team zum Anfassen nah. Sie zeigen die mächtigen Parlaments- und das Justizgebäude von außen und innen genauso wie die unterschiedlichen Wohnbauten der einzelnen Sektoren, die rechtwinkelig angelegten Straßen, Verkehrsinseln, Plätze und Parks.
Högner bedient sich dabei keiner Architekturfotografie, die im Sinne einer optimalen Präsentation des Bauwerks stilisiert, retuschiert oder ästhetisch reduziert. Sie interessiert sich stattdessen für die emotionalen, kulturellen und sozialen Interaktionen zwischen Architektur und Bewohnern – steht doch der Mensch bei ihr im Mittelpunkt. Um dies authentisch dokumentieren zu können, taucht die Fotografin in die soziale Wirklichkeit ein und gewinnt einen Blick von innen: Genau deshalb ist ihre Fotografie ein wertvolles Instrument sozialanthropologischer und architekturhistorischer Arbeit.