Olympiade und Stadtentwicklung

Chance oder Katastrophe

Mit der Olympiade 2008 zieht Peking die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich. Die Infrastruktur und das Erscheinungsbild der Stadt werden sich krass verändern. Welche stadtplanerische Richtung sollte Peking während dieses Entwicklungsprozesses einschlagen – und was wird vom Spektakel bleiben? The 2008 Olympic Games will focus the attention of the whole world in Peking. Infrastructure and appearance of the city will change drastically. What kind of town planning should Peking persue during this process of development – and what will remain after the spectacle?

Text: HE Wei

Fotos: Björn Maser
Peking ist eine Stadt mit langer Geschichte und ausgeprägter Individualität. Bis 1949 blieb Pekings Stadtgrundriss an einer historischen, symmetrischen Form orientiert – wie im alten Stadtgrundriss auf der vorherigen Seite zu sehen. Die Grenze der Stadt bildete eine bis fünfzehn Meter hohe Stadtmauer. An elf Stellen dieser Stadtmauer wurden große, künstlerisch gestaltete Stadttore errichtet. Der größte Teil der Stadt bestand aus grauen Hofhausgebieten – »Hutong« heißt hier die flächenhafte Bebauung, vergleichbar der europäischen »Teppichbebauung«. Der Horizont in Peking war niedrig und eben, die »Skyline« der Stadt eine waagerechte Linie. Wichtige Paläste, Tempel und herrschaftliche Wohnsitze waren in diesem Stadterscheinungsbild nur mäßig auffällig verstreut; als Zentrum der kaiserlichen Macht hob sich allerdings die Verbotene Stadt in der Mittelachse Pekings deutlich ab. Größe und Farbe dieser Bauten unterschied sich deutlich von den Hofhäusern der Wohngebiete.
Nach 1949 wandelte sich das Stadtbild Pekings radikal. Die traditionelle Struktur der Stadt veränderte sich in dem Maße, wie die Einwohnerzahl stieg und damit die Stadt in der Fläche auswucherte. Stadtmauer und Stadttore wurden in den fünfziger Jahren abgerissen, Peking expandierte rasant; in den achtziger Jahren wurde bereits damit begonnen, Hofhäuser in großem Stil abzureißen und durch Hochhäuser zu ersetzen. In den neunziger Jahren folgten die Straßenschneisen: Von 1996 bis Anfang 2004 verdoppelte sich das Verkehrsaufkommen in Peking auf zwei Millionen Fahrzeuge, davon verdreifachte sich die Anzahl der Pkws. Peking mutierte von einer geschlossenen zu einer offenen Stadt.
Am 16. Juli 2001 erhielt Peking nun den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2008. Eine Olympiade birgt – das ist nichts Neues – für die jeweils gewählte Veranstaltungsstadt einmalige Chancen: Infrastruktur und Stadtbild werden in der Regel schnell weiterentwickelt, erneuert, erweitert, aufpoliert – in sehr gelungener Form 1992 in Barcelona, mit einem gewaltigen Kraftakt derzeit in Athen. Peking geht nun denselben Weg: Experten gehen davon aus, dass die Entwicklung mit hohem Tempo bis Ende 2006 vorangetrieben – und Peking als Ganzes in hohem Maße verändert wird.
Teil der Stadt Im zwölften, dreizehnten Jahrhundert entstand der heutige Kernbereich Pekings über symmetrischem, rechteckigen Grundriss mit ausgeprägter Nord-Süd-Achse. Diese Grundrissfigur wird bis heute respektiert, insofern ist die Wahl des Olympiagebiets im Norden von Peking, zwischen der dritten und vierten Ringstraße am nördlichen Ende der Mittelachse, bemerkenswert konsequent. Die Mittelachse wird bis zum Olympiagebiet weitergeführt; Olympiagelände und Verbotene Stadt sollen hier in einen »Dialog« miteinander treten – was meiner Ansicht nach nur formale und symbolische, aber keine funktionalen Aspekte berücksichtigt. Im Ergebnis wird einerseits die Leitfunktion der Mittelachse gestärkt, andererseits steigt das Verkehrsaufkommen zwischen der Süd- und Nordstadt rapide an; Peking entwickelt sich momentan vorrangig im Nordteil.
ÖPNV Peking expandierte in den letzten Jahrzehnten rundum nach außen, die Anlage von Ringstraßen in Form konzentrischer Kreise wurde nachgeschoben. Für ein schlüssiges Verkehrskonzept eignen sich diese Kreise nicht, denn zu hoch wird die städtische Dichte, zu lang – inzwischen dreizehn Kilometer – ist der Stadt- radius. Seit etwa zehn Jahren kämpft die Stadt mit den bekannten Folgen jeglicher Verkehrsüberlastung: Stau und Parkplatznot sind Alltagsprobleme geworden. Experten setzen vor allem auf den Ausbau des ÖPNV und der überregionalen Bahnverbindungen. Die Olympiade gibt immerhin den Anstoß dafür. Geplant sind sechs Metro-Linien, die vor 2008 fertig werden sollen; zwei Linien sind bereits in Betrieb. Bis 2008 sollen es dann insgesamt acht sein. Fünf davon führen an dem Olympiagebiet vorbei; sie werden zu den wichtigsten Verkehrsmitteln zur Verbindung des Hauptstadtzentrums und der verschiedenen Nebenzentren gehören.
Peking international Gesamtwirtschaftlicher Aufschwung und Olympiavorbereitungen ließen China bereits zur größten Baustelle der Welt werden. Als olympische und neben Shanghai bedeutendste Stadt Chinas will Peking selbstverständlich die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich ziehen – international ausgelobte Wettbewerbe initiierte nicht allein die Regierung, sondern auch private Bauherren. Fast alle Realisierungswettbewerbe für Regierungsbauten wurden in den letzten Jahren an ausländische Star-Architekten vergeben. Auf der einen Seite sucht China mit diesen Bauten Anschluss an eine weltweite Architekturentwicklung; das Land sucht auch schlichtweg nach Qualität. Auf der anderen Seite wird derzeit der Rang vorhandener Architektur unterschätzt, wird Identitätsverlust zu leicht in Kauf genommen. Die jüngsten Bauten in Peking sind einfach zu beschreiben: Sie sind neu, meistens spektakulär, eigenartig, groß und hoch. Vom Nationaltheater von Paul Andreu über das »Vogelnest« – so nennen die Chinesen das neue Olympiastadion von Herzog & de Meuron – bis zur Zentrale des chinesischen Rundfunks von Rem Koolhaas scheint Peking zum neuen »Architektur Zoo« zu werden. Rem Koolhaas sagte unlängst über sein Projekt: »This building might have been inconceivable to the Chinese, but indeed, only in China would it be realized«.
Als am 24. Mai 2004 ein Teil des Flughafen-Terminals E2 in Paris-Roissy des Architekten Paul Andreu einstürzte, sah sich die neue Chinesische Regierung in ihrer Einstellung zu den internationalen Projekten in Peking bestätigt: Sicherheit, außerdem Funktionalität, Rationalität und Ökonomie sollen nun neue primäre Richtlinien in der Bauwettbewerbspolitik sein.
Ein Event in der Größenordnung einer Olympiade ist per se ein gewaltiges Unterfangen. In Peking potenziert sich die Olympia-Hybris mit einem Wirtschaftswachstum, das weltweit Seinesgleichen sucht. Wie ein Unwetter fegt die Modernisierung über die jahrhundertealte Stadt hinweg. Zeit, um zu überlegen und zu steuern, wie die Beziehung zwischen traditionellen chinesischen Stadtvorstellungen und einer internationalisierten Moderne sinnvollerweise auszusehen hat, gibt es nicht. Die Herausforderung für Peking ist unvorstellbar. Wirtschaftlich bedingter Bauboom und Olympiade beschleunigen die Stadtentwicklung gewaltig – und kosten vielleicht den ursprünglichen Reiz der jahrhundertealten Stadt. H. W.