Bildungsoffensive für Energieeffizienz und Baukultur

Eine Rezeptpflicht für alle Baumarkt-Produkte! Mit dieser Idee überraschte Michael Braum, Vorsitzender der

~Ira Mazzoni

Stiftung Baukultur, Podium und Publikum des Parlamentarischen Abends »Prima Klima im Denkmal«. Das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz (DNK) hatte geladen, um seinen allseitigen diplomatischen Bemühungen um einen verbesserten Bestandsschutz Nachdruck zu verleihen. Die Rezeptpflicht für Baumarkt-Produkte steht nun nicht auf dem Positionspapier des DNK, zielt aber auf den Kern des Problems. Denn von 500 Jahren Garantie – wie eine vielbeachtete Wanderausstellung des Weserrenaissance-Museums über alte Bautechniken ganz selbstverständlich für Denkmäler annahm, kann vielerorts keine Rede mehr sein. Die Tendenz zu falsch oder gar nicht beratenen Umbauten wächst, bei denen massenhaft neue, unerprobte oder ganz einfach billige »Wunder-Produkte« schnellstmöglich »sauber« montiert und verklebt werden. Statt das Haus energetisch zu sanieren – also im eigentlichen Wortsinn zu gesunden – wird es konzeptlos verpfuscht. Mit unabsehbaren Folgen für die Substanz nicht nur von Baudenkmalen, sondern auch in Siedlungsbereichen, die kein Denkmalstatut schützt, die aber dennoch architektonische, städtebauliche und ästhetische Qualitäten haben. Bedroht sind weitaus mehr als 5 % unseres Baubestands. Immer häufiger werden Experten mit eklatanten Bauschäden konfrontiert, die durch unsachgemäße und unabgestimmte Veränderungen an Heizanlagen, Fenstern und Heizkörpern sowie durch neue Dämmung und Anstriche verursacht wurden. Mangelnde Analyse und Konzeptlosigkeit seien schuld. So beklagt nicht nur das Fachwerkzentrum Quedlinburg, das für den Zeitraum zwischen 2007 und 2009 eine Studie zu Folgeschäden nach Sanierung erarbeitet hat, das Defizit von fachlichem Wissen. Die einfachsten bauphysikalischen Zusammenhänge seien vielen Architekten, Ingenieuren und Handwerkern unbekannt. Von den in Wochenendseminaren ausgebildeten fachfremden Energieberatern einmal ganz zu schweigen. 60 % aller in der Fallstudie analysierten Bauschäden seien Folgen nicht von Pfusch, sondern von planerischer Inkompetenz. Kein Wunder. So gibt es in ganz Bayern nur acht Bauphysiker, auf deren Analyse sich ein Denkmalpfleger verlassen kann. Die fundamentale Frage: »Was verträgt sich mit dem vorhandenen Gesamtsystem Haus?« wird im Normalfall viel zu selten gestellt. Aber ein feuchtes Handtuch diffundiere nun einfach nicht trocken, so die lakonische Feststellung zu einem der Grundprobleme alter Häuser. Auch sage niemand den Eigentümern und Mietern, dass sie ihre Wohnung nach Einbau von dreifach verglasten Fenstern gute fünf Stunden täglich lüften müssten, um Feuchteschäden an den Außenwänden zu vermeiden. Fünf Stunden(!) bei Vollzeit-Tätigkeit, Überstunden und hyperaktiver Freizeitgestaltung … Der letzte Bauschadensbericht der Bundesregierung datiert auf das Jahr 1996! Der letzte DEKRA-Bauschadensbericht wurde 2003 publiziert. Seitdem ist viel geschehen. Vor allem wurde das Baurecht gründlich »liberalisiert«. Die Bauordnungsbehörden entsprechend personell und fachlich ausgedünnt. Es gibt kaum noch Baukontrollen. Selbst die Erfüllung hochsubventionierter Energie-Einsparziele bei der Haussanierung kann kaum geprüft werden. Gleichzeitig aber gibt es immer mehr Vorgaben und Verordnungen für den gesamten ökologischen Bereich, der obwohl im Ansatz systemisch orientiert, sich politisch in resort- und parteiinterne Zahlenzielen manifestiert. Das Wettrennen der Weltverbesserer hat Tempo aufgenommen. Bis 2050, so das ehrgeizige Ziel der Grünen, soll der gesamte Baubestand energetisch »saniert« sein. Unter den derzeitigen Bedingungen sowohl für die Denkmallandschaften wie für die Baukultur eine Katastrophe. Insofern wäre eine vernetzte und multidisziplinäre Bildungsoffensive – ein Exzellenzcluster – für risikofreie, energetische Optimierung im Bestand von gesamtkultureller und volkswirtschaftlicher Bedeutung. Forschung und Ausbildung müssen intensiviert werden, um eine flächendeckende Kapitalvernichtung zu vermeiden. Genügend qualifizierte und zertifizierte Bauberater vorausgesetzt, müsste sichergestellt werden, dass schon die entsprechende Erarbeitung eines auf den Einzelfall abgestimmten Gesamtkonzepts vor jeder Baumaßnahme gesetzlich gefördert wird. Und dass jede nachweislich fach- und objektgerechte Verbesserung – nicht das sture Erreichen eines prozentual festgelegten, nominellen und ungeprüften Einsparziels – Anerkennung findet. Denn wesentliche Richtschnur ist die Gesamtenergie-Bilanz – wie immer sie errechnet werden soll. Darüber hinaus sind wohl im Rahmen der EU-Bauproduktverordnung denkmal- und altbauverträgliche Produkte zu klassifizieren. Kein Rezept, aber eine Empfehlung. Auf keinen Fall aber darf die Städtebauförderung angesichts der kommenden Herausforderungen gekürzt werden. Sie allein könnte die Ökoziele baukulturell in die richtigen Bahnen lenken, wenn sie es denn wollte. Mit der Förderung von landschafts- und ensemble-verträglichen Quartierslösungen etwa.
Die Autorin ist freie Journalistin und schreibt u. a. für die Süddeutsche Zeitung und die ZEIT.