big bad Box – mit nettem Dach

~Aaron Betsky

Wie schade, dass ein so wertvolles Gebäude so schlecht gemacht ist. Renzo Pianos Academy of Sciences, die vor einigen Monaten mitten im Golden Gate Park eröffnet wurde, ist das größte Gebäude mit LEED-Platin-Zertifikat in den USA (der höchste amerikanische Standard für ökologische Bauten, siehe auch db 3/2008, Seite 68) und das einzige Museum mit dieser Auszeichnung. Es zeigt ein vielfältiges Angebot an äußerst populären Nettigkeiten vom Planetarium bis zum Aquarium und von einer Art Wandelhalle in einem Kurort, die sich als »Regenwald-Promenade« entpuppt, bis zu zwanzig Millionen Forschungsobjekten, die sich in den Regalen und Laboratorien verbergen. Doch die Architektur, die all diese ökologischen Freuden enthüllen, zelebrieren und verdeutlichen könnte und sollte, ist banal und schlampig zusammengestückelt.
Ganz so schlecht ist sie dann auch wieder nicht. Die zentrale Entwurfsidee, ein 1 ha großes, sanft gewelltes Grasdach, abstrahiert die umgebende Parklandschaft in einer Reihe von sieben bepflanzten Hügeln. Die Besucher können sich auf diese Ebene begeben und über das grüne Dach schauen. Von dort sehen sie den Großteil des künstlich angelegten romantischen Parks, der zuvor aus spärlich bewachsenen Sanddünen bestand. Sie können auch die Idee nachvollziehen, dass das Dach das Gras ersetzt, das dem Gebäude weichen musste, Sonne und Regen aufnimmt und die Räume darunter dämmt.
Piano hatte ursprünglich vor, diese Räume auch durch das Dach zu formen: Täler hätten die wichtigsten programmatischen Bereiche trennen sollen. Am Ende baute er eine Box und das Dach obendrauf. Jetzt trägt ein wirres Arrangement aus Stahlstangen und -seilen die ganze Last, aber es ist unmöglich, anhand dieses Netzes die statischen Kräfte oder das Wesen des Daches zu erfassen. Nicht einmal von einer der Brücken in der Nähe der Decke erschließt es sich in irgendeiner Weise. Das Dach formt weder einen Raum aus noch gibt es Anlass für ein tanzendes Tragwerk, das seine Eigenartigkeit, Schönheit, Notwendigkeit – und sein Gewicht – vermitteln würde.
Schlimmer noch, das Dach ist die einzige gute Idee, die Piano hatte. Anschließend tat er das, was er gar zu oft in seinen Bauten tut: Er machte Boxen und setzte viel Glas für ihre (und unsere) Erhellung ein, ebenso Raster, um ihren Maßstab zu verdeutlichen. Hier treffen seine gerasterten Boxen außerdem auf die Reste jenes Teils der Academy of Sciences, der nach dem Erdbeben von 1989 nicht abgerissen werden musste. Das Ergebnis ist ein Atrium (eher eine Imbisshalle, wie in einer Shopping-Mall) – mit Licht übersättigt und ohne klare Maßstäblichkeit oder Materialität –, außerdem verschiedene Räume voller Exponate, die der seltsamen, in naturwissenschaftlichen Museen so häufig zu findenden Logik folgen, dass lehrreiche Dinge extrem hässlich sein müssen.
Dabei ist da so viel, mit dem er hätte arbeiten können! Der dunkle Baukörper des Planetariums hätte die perfekte Abziehfolie für die offene Kuppel der Regenwald-Promenade abgegeben. Der helle neue Ausstellungsbereich hätte sich als Wintergarten schön kontrastreich von dem düsteren Klassizismus der bestehenden Flügel abheben können. Die kleinteilige und jetzt unsichtbare Welt der Labors auf der Rückseite der Akademie hätte das eigentliche Ausstellungsstück werden können. Piano nutzte keine dieser Chancen und warf stattdessen ohne Sinn und Verstand mit Glas und lackiertem Stahl um sich, formte alle Räume gleich groß und verzichtete auf eine klare Anordnung der Gebäudeteile. Das lag doch sicher am Etat? Nein, dieses Tohuwabohu verschlang über 500 Mio. US-Dollar an öffentlichen und privaten Geldern – mehr als doppelt so viel wie vor zwei Jahren Herzog & de Meurons bescheidenes De Young-Museum, der Akademie an einem kleinen Platz gegenüber gelegen, kostete.
Die allerschlimmste Stelle, die richtig wehtut, ist die, wo Piano allen Ernstes ein Stück Säulengang rekonstruieren ließ und es in die Gesamtkonstruktion integrierte – wie ein Emblem großer Traditionen, das unter moderner Oberflächlichkeit und Sinnlosigkeit begraben wird. Wir alle, die die Postmoderne für tot hielten, haben unsere Rechnung ohne diesen zu groß geratenen, schlecht detaillierten Untoten von Museum gemacht, der sich hinter die Akademie verirrt hat.
Ist dies tatsächlich derselbe Piano, der letztes Jahr die Morgan Library in New York so sensibel und respektvoll ins rechte Licht gerückt und vergrößert hat? Ist dies der Piano, der die Museen Beyeler und de Menil geschaffen hat? Es ist kaum zu glauben. Schlimmer noch, es scheint keinen zu interessieren. Solange die Architektur diesen einen »Oh, wow«-Moment (beim Dach) produziert, keine eigenartigen Formen wie das De Young-Museum aufweist und über den Köpfen der laut kreischend Dinosaurier jagenden Kinder verschwindet, wird sie von Architekturkritikern und der Öffentlichkeit gleichermaßen gelobt, wie auch in diesem Fall. Es schmerzt nicht so sehr, dass der Pritzer-Preisträger Piano mit solcher Versiertheit hirnlose Kreationen zu verkaufen versteht. Man würde sich aber wünschen, er hätte diese Tugend darauf verwendet, ein tatsächlich gutes Stück Architektur zu schaffen.