Betreff: Spaniens Architekten trotzen der Krise – teilweise jedenfalls

~Rosa Grewe

Liebe db,
unser Aufzug ist die Kommunikationszentrale des Hauses. Man erfährt, wer neu eingezogen ist, wer Schnupfen hat und wann die Stromablesung fällig ist. Im Aufzug erfährt man die Stimmung des Hauses. Vielleicht sogar des Landes, da in den 30 Wohneinheiten ein Querschnitt der spanischen Gesellschaft lebt. So war es auch im Aufzug, dass mich der Sohn meiner katalanischen Nachbarin ansprach, ein adretter Mann von rund 50 Jahren: Ich sei doch Deutsche, da hätte ich ja ganz schön Glück, von wegen Wirtschaftskrise. Auch in anderen Gesprächen stelle ich fest: Der sonst so selbstbewusste Katalane scheint seinem Land nicht mehr zu trauen. Viele fühlen sich durch gestiegene Rückzahlungen von Bankkrediten überfordert, Ratingagenturen schüren Misstrauen, und die Sparmaßnahmen der Regierung sind der dritte Tiefschlag. Die ganze Welt weiß vom Ende des spanischen Höhenflugs – da verkauft sich selbst der Opel Astra mit dem Versprechen, »muy alemán«, sehr deutsch zu sein. Das ist nicht sexy, aber immerhin sicherer als Seats »auto emoción«.
Dabei gibt es noch Projekte, die zumindest architektonisch selbstbewusst auftreten und mit spanischer Kultur punkten. Zahlreiche Kulturbauten namhafter Architekten sind gerade fertig geworden oder werden in den nächsten Jahren übergeben. Teilweise mussten Finanzierungspläne neu aufgestellt werden, aber die Projekte zeigen: Die Krise mag noch nicht enden, doch das Ende ist die Krise nicht. Wie z. B. beim Kulturzentrum [1] Oscar Niemeyer, das jetzt im nordspanischen Avilés eröffnet wird. Darauf ist man gleich zweimal stolz: Dass ein solches Projekt in der Krise fertiggestellt wurde und dass Niemeyer an seinem 103. Geburtstag im Dezember die große Betonkuppel per Videobotschaft einweihte. Zwar wirken die Bauten wie aus den 60er Jahren, aber der positive Einfluss des Zentrums auf den Tourismus der Region, da sind die Investoren sicher, wird groß sein. Dem großen Namen, dem großen Budget folgt der große Erfolg, so die alte Denke.
Nichts Geringeres als eine neue Denkweise fordert ein viel kleineres Projekt: Das Wassermuseum [2/3] in Lanjarón in Andalusien. Die Gemeinde kaufte das Areal einer alten Wassermühle, um es vor der Bodenspekulation zu bewahren, und der Architekt Juan Domingo Santos baute die Mühle zum Museum um. Respektvoll behielt er die Struktur der Steingebäude und des Grundstücks samt Hof und den alten Bewässerungsanlagen bei. Der Besucher soll hier mit allen Sinnen die Geschichte des Ortes erfahren, etwa wenn das Wasser aus den alten Rohren plätschert. Er soll sehen, wie es den Platz aus Eukalyptusstämmen überspült und sich in einem neu errichteten Holzpavillon an die Quelle des Flusses und an alte islamische Badehäuser der Region erinnert fühlen. Das ist keine Prestige-Architektur, sondern eine mit viel Feingefühl für die fortdauernden Werte einer Landschaft, deren Naturressourcen lange ausgebeutet und dann in der Krise liegen gelassen wurde.
Bleiben wir in Andalusien. Die Architekten Nieto Sobejano stellen hier noch dieses Jahr ein Museum für zeitgenössische Kultur [4/5] fertig, das C4. Der rund 28 Mio. Euro teure Bau steht in Cordoba am Ufer des Guadalquivir und soll zusammen mit anderen Projekten ein neues Viertel bilden, mit dem sich Cordoba als Europäische Kulturhauptstadt 2016 bewirbt. Einen »Kulturzoo« nennen die Architekten das Projekt: Die Besucher sollen den Künstlern bei der Arbeit zuschauen und verschiedene Kulturformen zwanglos zueinanderfinden. Ideengeber waren die endlos ineinandergreifenden Ornamente der arabischen Kunst – Inhalte, die sich gegenseitig bereichern und ein neues Ganzes ergeben. In hexagonalen Einheiten auf rund 12 000 m² Fläche reihen sich Mediathek, Auditorien, Werkstätten, Ausstellungsräume und Höfe aneinander, multifunktional und ohne Hierarchie. Auch die Betonfassade wiederholt das Thema und erinnert mit ihren Perforationen an arabische Architektur. Das deutsche Büro realities:united plante die Fassade mit LED-Programmierungen und Videosequenzen. Die Botschaft: Kultur ist unendlich und kennt keinen begrenzenden Rahmen. Sie überdauert auch die Krise – hoffentlich.
Doch manchmal scheint die Vision der Bauherren zu selbstbewusst, sodass das Misstrauen der Spanier nachvollziehbar ist: Der Neubau für die Königlichen Sammlungen in Madrid, geplant von Mansilla und Tuñón, überbietet alle anderen Projekte: 40 000 m² Ausstellungsfläche unterhalb des Machtzentrums des Landes, dort, wo sich Königspalast und Kathedrale gegenüberstehen. Mit 60 Mio. Euro wurde der Bau 2004 vorkalkuliert, doch derzeit liegen die Schätzungen bei 171 Mio. Euro. Der Bau ist aufwendig, er gräbt sich tief in den royalen Berg, hinein in archäologische Funde und in die Fundamente der alten Kirchenmauern. Fertigstellung des Gebäudes war für 2014 geplant, 2015 soll es nun, laut ministerialem Bauherrn, so weit sein. Wenn keine Verzögerungen und Finanzlöcher mehr hinzukommen, wie el país unkte. Keine königliche Posse, sondern eine krasse Kommunikationskrise ist der teure Bau. Und wehe dem, der über dieses Projekt in unserem Aufzug spricht. Der bekommt Wut, Empörung und die ganze katalanische auto emoción zu spüren. Irgendwie muy alemán.
Saludos cordiales,
Rosa Grewe liebt Flamenco, das Mittelmeer – und spanische Architektur. Für ein Jahr streift sie quer über die iberische Halbinsel und entdeckt Stadt, Land und Stadtrand, Küste und Landschaft, Unterschiede und Bekanntes. Sie studierte Architektur in Darmstadt und ist seit 2006 Architekturjournalistin.