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Beatrice Galilee

ist die erste der drei Autoren, die die Nachfolge von Aaron Betsky in unserer Rubrik über europäische Architektur antreten (siehe auch Seite 8). Ab sofort werden sie Briefe aus London zu zeitgenössischer britischer Architektur und Stadtplanung schreiben. Deshalb heißt die Rubrik künftig »Letters from the UK«, für den Lesekomfort erscheinen die Beiträge übersetzt. In ihrem Essay schreibt Beatrice Galilee anlässlich des ersten fertiggestellten Gebäudes von Rafael Viñoly in Großbritannien über die allgemeine Rezeption, die der amerikanische Architekt im Vereinigten Königreich erfährt. Seit seinem ersten Auftritt 2002 wird seine konsequent nutzen- und bauherrenorientierte Architektur von Denkmalschützern und Nachbarschaftsinitiativen bekämpft und lächerlich gemacht – regelmäßig mit dem Argument, seine gewagten Entwürfe würden das gewachsene Stadtbild zerstören. Andererseits gibt es in Großbritannien (und insbesondere in London) genügend wagemutige Architekten und aus dem Rahmen fallende Bauten. Daher stellt sich die Frage: Wie würden sich die Briten verhalten, wenn Viñoly Engländer wäre? ~ dr

Viñoly und die Briten: Kurven, Walkie Talkies und andere Desaster
In Leicester saust inmitten roter Backstein-Reihenhäuser und schmaler viktorianischer Straßen ein dynamisches metallisches Schild um eine enge Kurve. Aller Augen sind auf The Curve gerichtet, und das aus gutem Grund. Dieses erste Gebäude, das Rafael Viñoly Architects in Großbritannien realisiert hat, ist nicht nur etwas Neues in der Theaterszene der englischen Midlands, sondern es kann auch als Mikrokosmos von Viñolys Werk gesehen werden. Das 61-Millionen-Pfund-Projekt ist zum Teil glamouröser Repräsentationsbau, zum Teil auch einfacher Nutzbau.

Der charismatische, in Uruguay geborene New Yorker Architekt ist in den USA ein Star, in Großbritannien wurden seine Projekte jedoch verspottet und verschleppt. Vom früheren RIBA-Präsidenten George Ferguson wurde er gar als »Bedrohung« bezeichnet. Der Wolkenkratzer, den Viñoly für den Developer Land Securities in der City of London geplant hat – Spitzname »Walkie Talkie«, Adresse: 20 Fenchurch Street –, und seine radikalen Pläne für die Battersea Power Station haben sowohl mitleidlose Kritik als auch heftige Gegenkampagnen hervorgerufen. Mitten in diesem Aufruhr hat es Viñoly geschafft, sich durch den britischen Genehmigungsdschungel zu kämpfen und jetzt dieses kleine, aber keineswegs bescheidene Theater zu eröffnen.
The Curve ist selbst eine Art Bühnenereignis. Es ist ein Stück Vorzeigearchitektur, ein dramatischer Versuch, die Stadt durch Blendung einzunehmen. Natürlich bemerkt man recht schnell, dass seine Dominanz nicht an spektakulärem Design liegt, sondern daran, dass es ein bisschen zu groß geraten ist. Es steht beengt auf seinem Bauplatz, wie ein großes, unnahbares Bürogebäude. Wie zu vermuten, hat The Curve außer seinem namensgebenden Bogen nicht viel zum Thema Form zu bieten. Im Entwurf hat Viñoly alle traditionellen Aspekte eines Theaters erfolgreich auf den Kopf gestellt. Das Gebäude ist so gestaltet, dass Passanten beim Bühnenaufbau zusehen oder Mitarbeiter an ihren Schreibtischen beobachten können, sogar ein Blick in den Malersaal ist möglich. Teile der Fassade lassen sich zur Straße hin öffnen, so dass das Theater in Karnevals oder Festivals einbezogen werden kann. Im Innern sind die beiden Bühnen akustisch getrennt, aber auf Knopfdruck öffnet sich die Kulisse und gibt ein zweites Theater dahinter frei. Fairerweise muss man zugeben, dass dieses Theater durchaus ein paar Asse im Ärmel hat. Statt die »magischen« Elemente zu verbergen, werden Aufbau, Bühnenmaschinerie, Beleuchtung und Ton richtiggehend zur Schau gestellt. Indem Viñoly die Special Effects seines Theaters betont und das Innere nach außen kehrt, nimmt er ihm allerdings einiges. Anders als Richard Rogers, dessen Bürogebäude und Kunstgalerien auf der Außenseite stolz ihr Innenleben zeigen, reißt Viñoly dem Theater durch die Zurschaustellung das Herz heraus. Ist es gar zu britisch, wenn man erwartet, dass das Bühnenspektakel selbst die Schönheit eines Theaters ausmachen solle und nicht die Ausstellung seines Entstehungsprozesses?
Seine entwerferischen Erfolge und Rückschläge geben einigen Aufschluss darüber, warum Viñoly so viele Aufträge gewonnen und dennoch solche Probleme mit der britischen Öffentlichkeit hat. Seinen ersten Auftrag in Großbritannien erhielt er 2002, eine Konzerthalle unterhalb des Jubilee Parks auf der Londoner South Bank, gegen die die Anwohner jedoch Einspruch erhoben. Weitere Vorschläge wie der »Walkie-Talkie-Turm«, die Battersea Power Station und die Umgestaltung des Campus der Oxford University, riefen nicht nur Kritik hinsichtlich ihres Bezugs zur Umgebung hervor, sondern auch eine allgemeine Konsterniertheit unter den Kollegen. Viñoly scheint einen unglücklichen Hang zu schwierigen Bauplätzen entwickelt zu haben, die baugeschichtlich bedeutsam sind und deshalb im Fokus höchst aktiver Nachbarschaftsinitiativen stehen. Aber wenn es daran liegt, dass seine Entwürfe diesseits des Atlantiks nicht verstanden werden, wie kommt er überhaupt an diese Aufträge?
Die Diskrepanz zwischen der Leichtigkeit, mit der er Aufträge einheimst, und dem Scheitern beim Erringen von öffentlicher Anerkennung ist der Knackpunkt seiner seltsamen Beziehung zu England. Viñoly war immer gut im Bauen. Nach 45 Jahren im Geschäft ist er ein Mann mit viel Pragmatismus und wenig Sentimentalität. Er hat oft gesagt, er glaube nicht, dass Architektur mit Musik oder Kunst gleichgestellt werden sollte. Ihm geht es ums Geschäft. »Architektur muss nicht dauerhaft sein. Mir ist es recht, alles Mögliche abzureißen«, sagte er letztes Jahr der »Times«. »Bei Architektur geht es nicht nur um schöne Gebäude … [sondern] darum, die Gebäude gebaut zu kriegen.« Kommen solche Sätze im Vereinigten Königreich an? Die Entwickler lieben sie natürlich. Als Bürogebäude ist das Walkie Talkie ein Traum. Das Gebäude wird nach oben breiter und bietet damit maximal große (teure) Büroflächen. Bei der Anhörung zur Baugenehmigung 2007 bezeichnete die extrem konservative Denkmalschutzvereinigung English Heritage den 160 Meter hohen Turm als das»„hässlichste und bedrückendste Gebäude« in London. Viele meinen, seine Höhe und die Comic-artige Form würden die Skyline der Stadt unwiderruflich beschädigen.
Es ist bedauerlich, dass Viñoly nichts aus der Reaktion der nostalgischen und in Sachen Architekturerbe kampferprobten Londoner lernen wollte, als er den dritten Umgestaltungsvorschlag für die Battersea Power Station entwickelte. Der ikonische Ziegelbau von Giles Gilbert Scott stieß seinen letzten rauchigen Atemzug 1982 aus und steht seit 1984 leer, als die ursprünglichen Pläne scheiterten, ihn in einen Freizeitpark umzuwandeln. Eine Entwicklungsgesellschaft aus Hongkong, Parkview, kaufte das 16 Hektar große Grundstück am Fluss und bekam nach zwölf Jahren die Genehmigung für einen Masterplan von Cecil Balmond. Doch während dieser Zeit verfielen Gebäude und Tragwerk so sehr, dass sich das Projekt nicht mehr rechnete. Zur Verzweiflung von Bevölkerung und Denkmalschützern verkaufte Parkview das Gelände und die dazugehörige Underground-Haltestelle (mit Gewinn). Viele hatten gehofft, dass sich das Gelände wie die Tate Modern, ein weiteres Denkmal von Gilbert Scott an der Themse, zu einem kulturellen Anziehungspunkt entwickeln würde. Angesichts der komplexen Vergangenheit und der unsicheren Zukunft ist Viñolys Masterplan bemerkenswert. Herzstück ist ein 300 Meter hoher und knapp drei Hektar großer »Öko-Dom« neben dem Kraftwerk. Er soll wie ein Kamin funktionieren. Viñoly behauptet, der Energiebedarf im Gebäude werde dadurch um etwa 67 Prozent abnehmen. Viele sagen, die Londoner Skyline wird um einen ähnlichen Prozentsatz an Schönheit verlieren.
In der Tat ist kaum eine unsensiblere Idee für einen Ort vorstellbar, den vier herrliche Art-Deco-Kamine berühmt gemacht haben. In diesem Zusammenhang fiel George Fergusons Wort von der »Bedrohung« – der den Entwurf zunächst für einen Scherz gehalten hatte –, und es findet Widerhall bei allen, die die Entwicklung über die Jahre verfolgt haben. Es ist sehr schwer zu akzeptieren, dass der Architekt die Komplexität des Geländes nicht begriffen hat. Die Vielschichtigkeit dieses Ortes für Anwohner und Öffentlichkeit – Geschichte, Spannung, Identifikation und Verzweiflung –, hat er schlicht ignoriert.
Viñoly tut ungläubig, wenn er von den Sentimentalitäten hört, die dem alten Gebäude gegenüber gehegt werden. Aber es ist schwer zu sagen, ob Viñolys Glücklosigkeit in England aus kultureller Differenz resultiert. Er weiß, dass seine Haltung in Leicester sich nur deswegen von der in Idaho unterscheidet, weil der Kunde ein anderer ist. Viñolys Erfolge liegen in einer Ideologie, die sich aus einem Mangel an Ideologie speist. Das allein ist kein Problem. Denn mit seinen außergewöhnlichen wirtschaftlichen und konstruktiven Fähigkeiten könnte er, wäre er nur Engländer, ein etwas weniger schicker, dafür aber charmanterer Norman Foster werden.
Beatrice Galilee ist Architekturredakteurin der Zeitschrift »Icon«, Autorin der Tageszeitung »Independent«, internationaler Architektur- und Designzeitschriften und mehrerer Bücher. Sie studierte Architektur in Bath und hat einen Master in Architekturgeschichte von Bartlett UCL. 2008 erhielt sie den Preis »Architectural Journalist of the Year«.
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