1 Die baumartig aufgeweiteten Holzstützen tragen auch die hölzernen Verbindungsstege; durch die Kombination von Holz und Glas entsteht ein heller Raum mit hoher Aufenthaltsqualität
2 Als weithin sichtbare Landmark stellt sich der aufgeständerte Kopfau dar
3+4 Die geschwungene Holzbinderkonstruktion der langen Erschließungshalle: während des Baus und mit der Sonnenschutzglas-Verkleidung
5 Der Anschluss des Kopfbaus an die Erschließungshalle, die so genannte Magistrale
Land- und Forstwirtschaftliche Sozialversicherung in Landshut

Balanceakt der Geometrie

Im Osten Landshuts, in landschaftlich reizvoller Lage zwischen den Isar Auen und der bewaldeten Isar Hangkante, auf dem Gebiet der ehemaligen »Schochkasern«, befindet sich das neue Verwaltungsgebäude der Land- und Forstwirtschaftlichen Sozialversicherung. Der Gebäudekomplex gliedert sich in drei Elemente: die aus vier Riegeln zusammengesetzte Kammstruktur, den Verbindungsflügel – die so genannte Magistrale – und den konvex gebogenen, mit Glastafeln verkleideten Kopfbau. Die funktional sowie optisch wichtigsten Elemente, Magistrale und Kopfbau, wurden in Holzbauweise ausgeführt. Situated in a pleasant landscape between the meadows of the Isar and the wooded Isar slopes, is now on the site of the former »Schoch Barracks« the new office building of the Agricultural and Forestry Social Insurance. The complex comprises three elements: the four parallel wings, the connecting wing – the so called Magistrale – and the convex glass-panelled head building. The functionally and visually most important elements, Magistrale and head building, are of wood construction.

Text: Ira Mazzoni

Fotos: Svenja Bockhop; hiepler, brunier und Ralf Richter
Das kann man nicht realisieren! Diese scheinbar zweifach konkav gekrümmte 100 Meter lange Glasfront ist unbezahlbar! Solch ein Luxus steht einer Land- und Forstwirtschaftlichen Sozialversicherung nicht an! Mit diesen und ähnlichen Argumenten wurde der Entwurf von Rainer Hascher und Sebastian Jehle im europäisch ausgeschriebenen Wettbewerb auf Platz vier gesetzt, obwohl die städtebauliche Lage, die funktionale Gliederung und die aus einer komplexen Geometrie abgeleitete Ästhetik die Jury-Mitglieder beeindruckte.
Nun ist der Bau doch realisiert: Eisig grün, Glas beschuppt hebt sich der Kopfbau der Verwaltung von der Monotonie des ehemaligen Kasernenareals ab. Betont eigenwillig markiert die bauchige, hoch gestelzte Warte den östlichen Stadteingang von Landshut. Unübersehbar, selbst wenn auf dem umzäunten und planierten Geviert davor Messezelte aufgestellt sind. Die anschließende, geschwungene Glasfront der Erschließungshalle begleitet den Verkehrsstrom der Pendler mit sanftem Schwung in die Stadt. Morgens brechen sich die Lichter der Autos in den Scheiben, und in den Spätnachmittagsstunden, wenn sich die Bewegungsrichtung umkehrt, leitet ein »Sonnenband« die Berufstätigen hinaus in den landwirtschaftlichen Nebenerwerbs- oder Feierabend. So bildet sich der Rhythmus der Stadt in dieser Fassade ab und illustriert gleichzeitig, wie wichtig der gläserne Schutzschild für die dahinter liegenden Büroriegel ist. Unbeeinträchtigt vom Lärm der Straße greifen die vier Bürotrakte in den neu gestalteten Grünraum. Von Ost und West ideal belichtet und belüftet ist jeder dieser – von immer einer Körperschaft der LSV genutzte – Riegel autonom. Je zwei Treppenhäuser, Sanitärräume und auffällig gestaltete Teeküchen auf jeder Etage garantieren ein Arbeiten mit kurzen Kommunikationswegen. Die Lebensader aller Büros ist freilich die verbindende, von bis zu 17,50 Meter hohen Holzstützen getragene Glasmagistrale, die sich zum Kopfbau hin von einer vier Meter breiten Galerie zu einem 17 Meter breiten Foyer aufweitet, in das die Kanzel des Kopfbaus einschneidet. Der lichten Atmosphäre des Freiraums, der Dynamik der Fluchtung und der konzentrierten Verflechtung aller Teile kann sich kaum jemand entziehen. Eingebettet in das mit hellen Holzlamellen verkleidete Souterrain liegt das Restaurant unter einem Glasschirm, durch innenliegende, von grün bis gelb facettierte Stoffrollos in »laubwaldiges« Licht getaucht. Nach Norden hin öffnet sich eine windgeschützte Terrasse zum kühlenden Wasserhof; eine mittägliche Oase, die das Betriebsklima verbessert. Allgemein werden die rund 600 Mitarbeiter der Versicherungskörperschaften um ihren schönen Arbeitsplatz beneidet.
Und die Kosten? Über die knapp 250 000 Euro für die Konstruktion der Magistrale, die fast 1000 Quadratmeter misst, kann sich keiner beklagen. Luxus ist das jedenfalls nicht, sondern eine ganz rationale, kosten- und nutzeneffiziente Konstruktion mit Mehrwert. Diese Glashalle ist elegante Schallschutzwand, thermischer Puffer, sorgt für natürliche Be- und Entlüftung, ist Verkehrsweg, Kommunikationsraum und Repräsentation in einem. Das Erstaunlichste von allem: Es handelt sich um eine reine Holzkonstruktion, Ergebnis eines intensiven Dialogs zwischen Bauherrn und Architekten, denn es war der Wunsch der LSV, deren Kunden zu einem Drittel Forstwirte sind, dass heimische Hölzer nicht nur für Ausbau und Fassadenbekleidung genutzt werden, sondern darüber hinaus eine konstruktive Rolle spielen. Durch die räumliche Straffung der großen Glashalle gelang es den Architekten das anfangs geplante Stahltragwerk durch Holzmasten zu ersetzen und damit gleichwohl alle Brandschutzauflagen zu erfüllen. Basis der Problemlösung war die enge Abstimmung von Tragwerksplanung, Brandschutz und Bauphysik in der präzisen Bewertung der Eigenschaften des Baustoffes Holz. Nicht nur, dass der nachwachsende, regional verfügbare Rohstoff von heimischen Betrieben verarbeitet und auf kurzem Weg geliefert werden konnte und damit regionale Traditionen gestärkt wurden, für das Tragwerk war es wichtig, dass bei der ausschließlichen Verwendung von Holz, die Temperaturdehnzahl im Gegensatz zu Metall so gering ist, dass auf Dehnungsfugen verzichtet werden konnte. In Bezug auf den Brandschutz war entscheidend zu erkennen, dass die runden Baumstützen aus verleimtem Brettschichtholz bei einem Durchmesser von 30 Zentimetern noch nicht einmal einen speziellen Anstrich brauchen. Im Falle eines Brandes würde nur die äußere Schicht verkohlen und dann selbst als Brandschutzschicht wirken; der Kern der Stützen bliebe hinreichend lange stabil. Unter diesen Vorraussetzungen und unter Berücksichtigung, dass jeder Büroriegel zusätzlich über zwei Fluchtwege verfügt, konnte auf störende Brandabschnitte in der fluchtenden Erschließungshalle verzichtet werden.
Die Konstruktion der Magistrale besteht aus 14 dieser 17,50 Meter hohen Stützen mit vierteiliger Krone, die auf der einen Seite die frei spannenden Holzbinder der geschwungenen Glasfassade halten und andererseits als Gegengewicht die Stege aus verleimten Brettstapeln tragen, die mit Stahlstäben von den Stützenkronen abgehängt sind. Die Stege verlaufen parallel zur nördlichen Pfostenriegel-Fassade und verbinden die Bürotrakte, wie die Aufzugsschächte; die Konstruktion ist so ideal ausbalanciert. Horizontale Windlasten werden in die massiven Treppenkerne der Büroriegel geleitet.
Die Aufsehen erregende Krümmung der südlichen Glasfront entsteht aus der Parallelverschiebung der in einem Radius von gut 13 Metern gekrümmten Binder um je vier Meter. Haben die östlichsten Binder nur eine kurze obere Gerade und biegen sich unten weit auf, so wird nach Westen hin Stück für Stück von der Biegung zurück genommen während die obere Gerade entsprechend wächst. Die diagonal geneigten Pfetten liegen so gerade auf. Dies bedeutet wiederum, dass die Fassade mit planen, rechteckigen Sonnenschutzgläsern eingedeckt werden konnte. Nur wenige Randscheiben mussten gesondert zugeschnitten werden. So bedingt die durchdachte Geometrie nach den Gesetzen der Translationsschale die kosteneffiziente dynamische Entwicklung der Erschließungsachse und schafft Platz für das raumhaltige Entree.
Bleibt nachzutragen, dass ein umfassendes Energiekonzept, das passive Energiequellen und natürlich Belüftung nutzt, dazu beigetragen hat, dass die Werte unterhalb denen der Energiesparverordnung liegen; dass durch den Verzicht auf teure Klimaanlagen die Baukosten um 15 Prozent gegenüber vergleichbarer Verwaltungsbauten gesenkt werden konnten und dass die LVA in Zukunft kaum mit Wartungskosten zu rechnen hat. Einmal abgesehen davon, dass täglich Kilowattstunden für Kühlung und Heizung gespart werden. Das schöne daran: Man sieht dem Bau die Öko-Philosophie nicht an. I.M.
Bauherr: Land- und Forstwirtschaftliche Sozialversicherung Niederbayern/Oberpfalz, Schwaben Architekten: Hascher, Jehle und Assoziierte GmbH, Berlin Mitarbeiter: Thomas Weber (Projektleitung), Thomas Breuning, Carsten Burghardt, Andreas Dalhoff, Matthias Rempen, Friedrich Rohdich, Ulrike v. Schenck Bauleitung: Architekten BDA s. feigel – k. huber, Landshut Projektsteuerung: BSP Bauplanung Stoessel, München Tragwerksplanung: Seeberger, Friedl und Partner, München Brandschutz: Norbert Thiel, Hersbruck Bauphysik: Müller BBM, Planegg b. München Bauzeit: Mai 2001 – Oktober 2003 Baukosten: 26 Mio Euro Bruttorauminhalt: ca. 65 000 m³ Hauptnutzfläche: ca. 10 300 m²