Parkscheune am Gerberkeller in Burkardroth

Auffällig unauffällig

Im dörflichen Umfeld, wo jede Neuerung bisweilen überkritisch beäugt wird, sollte sich das Parkhaus fast unauffällig einfügen. Den Architekten gelang es dabei, jegliche Anbiederung zu vermeiden. Inzwischen dient der Bau sogar als gemeinschaftlicher Veranstaltungsraum. In the village setting, where innovation is sometimes regarded with undue criticism, the parking building had to blend in so much as to be almost unnoticeable. The architects succeeded, however, in avoiding any recourse to pastiche. Now the building is even used as a performance space by the community.

Text: Achim Geissinger

Fotos: Gerhard Hagen
Wer durch die sanfthügelige Landschaft am Südhang der Rhön fährt, wo viele Ortsnamen auf a enden, läuft leicht Gefahr, an der Parkscheune in Burkardroth vorbeifzufahren. Gefangengenommen von den Schönheiten der reizvollen Landschaft und damit beschäftigt, den engen Windungen der sich durch die Dörfer schlängelnden Hauptstraße zu folgen, hat der Reisende den Ortskern schnell durchquert. Die Errungenschaften des Umgestaltungskonzepts, das der Gemeinde eine beachtliche Aufwertung des öffentlichen Raums bescherte, fallen dabei kaum ins Auge. Und genau darin liegt ihre Qualität.
Die beiden über Jahrzehnte hinweg ständig zugeparkten Plätze zu beiden Seiten des Rathauses boten weder ein vorzeigbares Bild noch den geeigneten Rahmen für den zweimal jährlich stattfindenden Markt, der mit Gewerbeschau und einer Vielzahl von begleitenden Veranstaltungen die einzige Attraktion des Ortes darstellt. Um Abhilfe zu schaffen, musste ein in kleinen Einzelschritten umsetzbares Gesamtkonzept erstellt und eine für die 8 400 Einwohner zählende Pendlergemeinde tragbare Finanzierung gefunden werden. Die Regierung Unterfranken sprang mit dem Bayerischen Städtebauförderprogramm ein und konnte zusammen mit Mitteln der Europäischen Union etwa fünfzig Prozent der Gesamtkosten decken. Nach Vorgesprächen mit mehreren qualifizierten Stadtplanungsbüros wurde das Würzburger Büro für Städtebau und Architektur Dr. H. Holl mit der Gesamtplanung betraut. Um den öffentlichen Raum in der Ortsmitte für die weitere Umgestaltung frei zu bekommen, galt es zunächst, an zentraler Stelle 34 Stellplätze unterzubringen. Die Stadt räumte dazu ein Grundstück an der Hauptstraße schräg gegenüber der Pfarrkirche und ließ das Würzburger Büro darauf zwei Parkgeschosse errichten; das eine halb vergraben, das andere halbgeschossig erhöht gelegen. Für sich alleine ist das noch keine Kunst. Der eigentliche Kniff an der Sache ist das Dach über dem Obergeschoss. Wie das Wohnhaus eines typischen fränkischen Gehöfts giebelständig zur Straße hin ausgerichtet überspannt es den größten Teil der Fahrzeugstellfläche und passt sich in Kubatur und Proportion perfekt in die Umgebung ein. Die im Prinzip simple Struktur entspricht außerdem dem Typus der mittelalterlichen Markthalle, die genau genommen nur aus einem festen Wetterschutz bestand. Konsequenterweise wird die Parkscheune, wie sie ihrer Ähnlichkeit zu den landwirtschaftlichen Gebäuden der Gegend wegen genannt wird, als Ausstellungsfläche in das Treiben der örtlichen Märkte miteinbezogen. Zusammen mit dem Gerberkeller, einem oberirdischen Lagerraum der Gerberzunft aus dem 17. Jahrhundert, bildet sie eine bauliche Einheit. Der Keller wurde von den örtlichen Vereinen in Eigenleistung hergerichtet und dient heute als Vereinsheim. Im Zuge der Bauarbeiten am Parkhaus erhielt er dringend benötigte Nebenräume und eine Toilette. Diese befinden sich unter einem Teil des Weges, der zwischen beiden Gebäudeteilen hindurch und über eine Treppenanlage zum oberhalb des Ortskerns gelegenen Friedhof führt. Wenn bei Vereinsfesten der Keller zu klein wird, bietet sich die Parkhalle als Erweiterung an.
Die intelligente Verknüpfung der Parkscheune mit ihrer Umgebung, sowohl was das Verkehrskonzept als auch die Verzahnung mit dem sozialen Leben des Ortes anbelangt, brachte ihr im November 2005 den Renault Traffic Design Award im Bereich »Architektenwettbewerb« ein.
Gestalterisch sticht nur ein einziges Bauteil heraus: ein seitlich dem Dach unterschobener Kubus mit den Zufahrtsrampen, dessen mit mattiertem Glas ausgefachte Stahlkonstruktion auf Betonwangen ruht. Nachts ist er hell erleuchtet und nicht mehr zu verfehlen.
Die Fußgängerzugänge liegen davon getrennt an den Gebäudeecken und führen über einläufige Stahltreppen mit Gitterroststufen separat entweder aufs Oberdeck oder hinab in das Untergeschoss. Das spart Platz, erfordert aber Gedankenarbeit. Denn vor dem Einfahren muss sich der Besucher überlegen, in welche Richtung er anschließend das Gebäude verlassen möchte.
Die übrigen Bauteile sind einfach und der im Prinzip rein technischen Bauaufgabe angemessen gestaltet. Der gesamte Unterbau wurde betoniert. Das untere Parkgeschoss kommt ohne Stützen aus. Die Lasten werden längs auf zwei jeweils einen Meter breite und 16 Zentimeter hohe Unterzüge verteilt und quer von vierzig Zentimeter breiten Kragarmen abgefangen. Das aus der Zweckmäßigkeit abgeleitete Erscheinungsbild wird im rückwärtigen Bereich durch senkrecht einfallendes Licht aufgewertet, das durch einen breiten mit Gitterrosten belegten Spalt sickert.
Ganz anders das Obergeschoss: Hier wurde nur ein Teil der Parkierungsfläche überdeckt. Ein über die gesamte Grundfläche gespanntes Dach hätte die ortsüblichen Dimensionen gesprengt. Entstanden ist dadurch ein freundlich wirkender, luftiger Ort, eine offene Halle mit angenehmen Proportionen, die nicht zu weitläufig erscheint. Das unterspannte stählerne Dachtragwerk ruht auf schlanken Rundstützen, statisch von der Betonbrandwand zum Nachbargrundstück hin entkoppelt. Die Schalung aus OSB-Platten unterstreicht den Scheunencharakter, einfache Planziegel bilden eine ruhige Dachfläche.
Zur Straße hin komplettiert eine einfache Lattenverschalung aus Lärchenholz das Erscheinungsbild. Sinnfällig an der Stelle, an der alle Autofahrer vorbeikommen, ist ein Kasten für öffentliche Bekanntmachungen eingearbeitet. Der rückwärtige Hang wird von lose aufeinandergestapelten Gabionen abgestützt – die groben Bruchsteine in den Drahtkörben lassen den anstehenden Fels spüren.
Unter Einsatz einfachster Mittel und unter den argwöhnischen Augen der Bürger ist ein angenehmer Ort entstanden, an dem sogar der Schnee gerne noch etwas länger liegen bleibt. In der dörflichen Umgebung mit locker verstreuten Häusern, viel Fachwerk und dem augenfällig in den achtziger Jahren hergerichteten Rathaus fällt der Neubau kaum auf. Zusammen mit den hellgrau gepflasterten Platzflächen, holzbeplankten Brücken über dem Bach und zugänglich gemachten Stellen am Wasser ordnet er das innerdörfliche Gefüge und erschließt neue Aufenthaltsräume.
Dem allem stiehlt nur die wuchtige Pfarrkirche St. Petrus die Schau. Doch so möchten wir allemal gerne parken und feiern. ge
Bauherr: Markt Burkardroth, gefördert durch das EU-Städtebauförderungsprogramm Architekt: Büro für Städtebau und Architektur Dr. Hartmut Holl, Würzburg Mitarbeiter: Markus Sauer (Projektleitung) Tragwerksplanung: Dipl.-Ing. Ingo Kiesel, Bad Kissingen Haustechnik: Ingenieurbüro Helfrich, Bad Brückenau Lichtplanung: EP Elektroplanung, Schwanfeld Nutzfläche: 841 m² Bruttorauminhalt : 3 100 m³ Baukosten: 570 000 Euro Fertigstellung: September 2003