Anerkennung

Mit einem relativen kleinen architektonischen Eingriff wird aus einem städtischen Unort ein Platz mit hoher räumlicher Qualität. Die beiden skulptural gestalteten Dach- und Lichtkörper mit ihrer scheinbar schwebenden Konstruktion schaffen einen hohen Wiedererkennungswert – aus einer banalen Haltestelle, wie man sie aus zahlreichen anderen Fällen kennt, entwickelt sich so ein besonderer, unverwechselbarer Ort mit einer poetischen Dimension.

~gekürzte Fassung aus db 11/2007

  • Architekten • Architects: Subarquitectura Ingenieure • Engineering: Sercal S.L.
  • Text: David Cohn Fotos • Photos: Joan Roig Bono & Maria Salvador, Jose Alberto Vicente Mayo
Silberne »Käsestangen«
Schon die Lage der Haltestelle »Sergio Cardell Plaza« ist einzigartig, eine Verkehrsinsel inmitten eines großzügig bemessenen Kreisels, den die Architekten in einen kleinen Stadtpark verwandelten. Zwischen Palmen und Olivenbäumen scheinen, futuristischen Waggons gleich, zwei silbermetallisch schimmernde Lichtkörper schwerelos entlang der Gleise zu schweben. Die jeweils 36 Meter langen Metallgebilde sind mit unzähligen Löchern unterschiedlichster Größe überzogen, die neben funktionaler auch konstruktive Bedeutung haben. Sie spenden tagsüber Schatten, sind durchlässig für leichte Brisen und leuchten des Nachts durch diagonal im Inneren »tänzelnde« Neonröhren.
Den Auftrag zur Errichtung von Haltestelle und Überdachung hatte – wie in Spanien allgemein üblich – das für das Gesamtprojekt verantwortliche Ingenieurbüro bekommen. Den Anwohnern griff der Entwurf der Ingenieure allerdings zu kurz, woraufhin ein beschränkter Architektenwettbewerb ausgeschrieben wurde, den das junge Büro Subarquitectura für sich entscheiden konnte.
Für den Entwurf bedienten sie sich eines in der TV-Werbung erfolgreichen Ansatzes, dem Spiel mit der Verführungskraft traumartiger Bilder, dem scheinbar Unmöglichen, der Kraft des Rätselhaften. Der besondere Reiz liegt in der scheinbaren Schwerelosigkeit der metallenen Körper. Auf den ersten flüchtigen Blick ist vom Tragwerk nichts zu spüren und man wird – wie in einem Werbespot – zum wiederholten, intensiven Hinschauen gezwungen. Die Metallboxen ›
› werden jeweils nur von zwei flachen, verspiegelten, außermittig im ersten Drittel angeordneten Fachwerkstützen getragen. Ihr extrem schlanker Querschnitt entspricht der Wanddicke der »Boxen«. Zwei Abspannseile halten, fast unsichtbar, die beachtliche Auskragung von 22 Metern in der Balance.
Die Lastverteilung gelingt über ein komplexes Zusammenspiel: Die doppelwandigen Boxen bestehen aus Fachwerkträgern, auf denen beidseitig Metallplatten befestigt sind. Zur Aussteifung werden auch die Laibungen der »Käse-Löcher« herangezogen: Ihre Ränder sind jeweils mit der inneren und der äußeren Stahlplatte biegesteif verbunden. So erklärt sich, dass die Anzahl der Löcher dort am höchsten ist, wo die größten Lasten auftreten. Für zusätzliche Stabilität sorgen schlanke, diagonal durch den Luftraum der Körper geführte Stahlstäbe.
Entwurf und Umsetzung dieser Konstruktion zeugen von der sehr tiefgehenden und intensiven konstruktiven Ausbildung, welche die Partner des Büros Subarquitectura an der neuen Architekturfakultät in Alicante erfahren haben (Näheres dazu siehe db 11/2007), und von den nach wie vor umfangreichen Befugnisse und Verantwortlichkeiten spanischer Architekten. Die Löcher ermöglichen nicht nur die Belüftung der schwebenden Metallstränge, sie geben dem Ort auch zu jeder Tageszeit eine eigene Identität. Schon heißt es bei den Bewohnern der umliegenden neuen Wohnkomplexe, wenn man sich in den Cafés rund um die Haltestelle verabredet, ganz salopp: »Wir sehen uns beim Gruyère« (Gruyère wird im Spanischen als Synonym für Schweizer Käse verwendet; ausgerechnet die Sorte, die mit Abstand am wenigsten Löcher aufweist).
Entlang des verästelten Wegenetzes zu beiden Seiten der Bahnsteige haben die Architekten rechteckige Sitzbänke aus Metallgitter »verstreut«, die abends ebenfalls beleuchtet sind; eine spielerische Wiederholung des Themas der schwebenden Metallkörper. Die Zwischenräume der sorgfältig um den Baumbestand geführten Wege wurden mit Erde aufgefüllt und bilden kleine, grasbewachsene Inseln – ein großer Luxus im trockenen Klima der Region. •
Silver »Swiss cheese chunks«
Already the location of the »Sergio Cardell Plaza« tram stop is unique; a traffic island in the middle of a generously dimensioned roundabout that the architects transform into a small urban park. Between palms and olive trees two silver-metallic, radiating light boxes that resemble futuristic tram cars appear to break the law of gravity and float above the rails. Each of the 36-metre long metal bodies has been perforated with innumerable, different-sized holes that are not only functional but structurally essential. During the day the boxes provide shade, allow light breezes to stream through, while at night they are illuminated by »dancing« neon tubes inside.
The commission to build the tram stop and roofing was awarded – as is customary in Spain – to the engineering firm responsible for the whole tram project. Local residents were not impressed with the design by the engineers. In response a limited architectural competition was set up that the young architectural office Subarquitectura managed to win.
For the design they followed the approach used successfully in TV advertising; employing the allure of dreamlike images, the apparently impossible, the power of the enigmatic. The teaser is the apparent weightlessness of the metal bodies: »how do they stand up?« At first sight the supporting system goes unnoticed, forcing the viewer – as in a commercial spot – to do a double take and have a more intensive look. The metal boxes are each supported by only two, flat, mirrored, lattice stanchions located asymmetrically along the first third of the total length. Their extremely slender cross-section is the same as the wall-thickness of the boxes. Two, almost invisible tension cables counterbalance the impressive 22-metre cantilever. ›
› Loads are distributed by a sophisticated system: the sandwich walls of the boxes are made of lattice girders to which metal plates are fixed on both sides. The »cheese holes« are used to stiffen the structure: the crater rims are rigidly connected to the two faces of the sandwich – a system that explains why the holes are more numerous precisely where the loads are greatest. Slender steel trusses cross the open space in the bodies to improve stability.
The structure’s design surely is a tribute to the very in-depth and intensive education the architects received in structural engineering at the new faculty of architecture in Alicante. Moreover, it is also a sign of the wide-ranging powers and responsibilities that architects hold to this day in Spain. The holes not only allow ventilation of the floating metal baskets, they endow the place at any time of day or night with its own identity. For the locals in the neighbouring new housing complexes it’s already customary to say »meet you at the ›Gruyère‹« (Gruyère is synonymous with Swiss cheese in Spain) when they want to meet up at the café terraces adjoining the stop.
The architects scattered seating along the verdant paths around the platforms, in the form of metal mesh rectangles with interior lighting at night; fractal reproductions of the main design theme. They filled the islands between the paths with earth berms planted with grass – a luxury in Alicante’s dry climate. •
Bauherr • Client: FGV, Ferrocarrils de la Generalitat Valenciana Architekten • Architects: Subarquitectura, Alicante (E), Andrés Silanes Calonge, Fernando Valderrama Garre, Carlos Bañón Blazquez Tragwerksplanung • Structural engineering: Subarquitectura Assoziierte Ingenieure • Engineers: Sercal S.L., Consulting Engineers, Alicante