Anerkennung

Im Vordergrund steht die Schlichtheit des Gebäudes in Verbindung mit einem hochwertigen, energetischen Konzept. Der öffentliche Platz wird mit Photovoltaik in der gläsernen Überdachung verschattet und schafft eine besondere Lichtstimmung und Atmosphäre. Das Gebäude wurde aus nachwachsenden Rohstoffen und ökologischen Materialien errichtet.

  • Architekten • Architects: Hermann Kaufmann Ökologische Beratung, Baubio- logie • Ecological consulting, healthy building: IBO
  • Text: Christine Fritzenwallner Fotos • Photos: Bruno Klomfar
Ludesch ist eine Gemeinde mit derzeit 3350 Einwohnern im Kleinwalsertal in Vorarlberg. Weit entfernt von den aktuellen Klimadebatten entschlossen sich seine Bewohner bereits vor sechzehn Jahren, sich aktiv für den Klimaschutz einzusetzen: 1992 fiel die Entscheidung, bei der Errichtung neuer, öffentlicher Gebäude auf die Verwendung von PVC zu verzichten, 1994 traten sie dem Klimabündnis Österreich bei, 1998 wurden sie Mitglied im sogenannten E5-Programm des Landes Vorarlberg – einer Initiative zur Qualifizierung und Auszeichnung von Gemeinden, die den effizienten Umgang mit Energie und die verstärkte Nutzung erneuerbarer Energieträger forcieren [1]. Im selben Jahr wurde der Bedarf eines neuen Gemeindehauses geäußert. So war von Anfang an selbstverständlich, mit diesem einen ökologisch vorbildlichen Musterbau zu errichten – mit Gebäudeanforderungen, die das Planen und Bauen wohl selbst für erfahrenste Architekten erst einmal auf den Kopf stellen mussten: Trotz der verschiedenartigen Nutzungen innerhalb des Gemeindezentrums sollte Passivhausqualität erreicht werden, die verwendeten Dämmstoffe sollten aus nachwachsenden Rohstoffen wie etwa Flachs, Hanf oder Schafwolle und die Konstruktion aus heimischem Holz bestehen, Leimverbindungen sollten größtenteils vermieden werden. Selbst bei Beschichtungen, Elektroummantelungen und dem Kanalanschluss wollte man auf PVC verzichten, ebenso auf Holzanstriche, lösemittelhaltige und weichmacherhaltige Farben und Lacke sowie halogenierte Fluorkohlenwasserstoffe und formaldehydhaltige Werkstoffe.
Diese Kriterien hatten sich im Laufe der Jahre im Rahmen einer Arbeitsgruppe entwickelt, die ein exaktes Bedarfskonzept vorlegte und zu der später Hermann Kaufmann als Architekt beratend hinzukam. Bereits in die Konzeptentwicklung miteinbezogen, erhielt er den Auftrag – über eine Ausnahmegenehmigung ohne zuvor ausgeschriebenen Wettbewerb.
Um die hohen Anforderungskriterien zu erfüllen und das Bewusstsein in der Bevölkerung für ökologische Bauprodukte zu stärken, veranstaltete man Workshops und Infoabende, ›
› etwa zur Schulung der Handwerker, kontrollierte akribisch während der Bauphase die verwendeten Materialien und protokollierte für jedes der 214 verwendeten Produkte in einem eigenen Datenblatt seine exakte Zusammensetzung. Eine doppelte Ausschreibung – »Standardvariante« und »Ökovariante« – ließ Rückschlüsse auf die Mehrkosten zu, die jedoch mit 1,9 Prozent der Nettobaukosten gering sind.
Neue »Verbundbauweise« Architektur-Energie-Ökologie
Planungsinstrumente für die Architekten waren unter anderem der Passivhaus-Bauteilkatalog des Österreichischen Instituts für Baubiologie und Bauökologie in Wien (IBO), das auch direkt an der Planung beteiligt wurde. Gemeinsam mit den Haustechnik-Ingenieuren hat das Vorarlberger Architekturbüro auf dieser Grundlage ein hochgedämmtes Bauwerk mit einem energieeffizienten Klimakonzept umgesetzt, das die Architektur sogar positiv beeinflusst hat: Auf 350 m2 wurden beispielsweise PV-Module in die Glasüberdachung des von der dreiteiligen Anlage umrandeten Vorplatzes einlaminiert. Über 14 000 KWh Strom haben sie im ersten Jahr produziert, was rund zehn Prozent des Gesamtenergiebedarfs des Gemeindezentrums ausmacht. Gleichzeitig wirken die Glas-PV-Elemente als Schattenspender; Sonneneinstrahlung und ›
› Tageslicht sickern abgeschwächt hindurch – und erzeugen eine faszinierende Lichtstimmung, die sich am Boden über ein feines Licht-/Schattenspiel abzeichnet. Hier entstand ein Außenraum mit hoher Aufenthaltsqualität, ein Dorfplatz, der zum Verweilen und für Veranstaltungen egal bei welchem Wetter einlädt.
Die vielfältigen Nutzungen – Bücherei, Café, Vereinsräumlichkeiten, Gemeindeamt, Kindertagesstätte, Physiotherapiepraxis, Büros etc. – mit ihren unterschiedlichen Raumtemperaturen und Belegungsintervallen mit den Anforderungen der Passivhausbauweise in Einklang zu bringen, mag wohl eine der größten Herausforderungen für die Klimaplaner gewesen sein. So ist es nicht verwunderlich, dass bei der derzeit anstehenden Optimierung der Haustechnik noch mit Einsparungen im Energiebedarf von über zwanzig Prozent zu rechnen ist. Der Jahresheizwärmebedarf schwankte bislang zwischen 22 und 26 KWh /m2 a, der für die Passivhausbauweise gültige Grenzwert von 15 KWh/m2 a konnte somit nur rechnerisch unterschritten werden – er bezieht sich auf eine Raumtemperatur von zwanzig Grad, was den Wenigsten heutzutage ausreicht. Fünf Lüftungsgeräte, eingeteilt für verschiedene Nutzungsbereiche, sorgen für eine kontrollierte Be- und Entlüftung, die erforderliche Frischluft wird hierzu mittels einer Grundwasserpumpe im Winter erwärmt und im Sommer gekühlt. Die Raumtemperaturen können je nach Nutzerwunsch bis zu zwei Grad niedriger beziehungsweise höher eingestellt werden. Wo das nicht ausreicht, wird in Ausnahmefällen, etwa bei der Säuglingsfürsorge, kurzfristig mittels Elektroheizung nachgeholfen. Ansonsten gewährleisten rund 30 m2 Sonnenkollektoren auf dem Dach die Wärmeversorgung und im Bedarfsfall der Anschluss an das öffentliche Biomasse-Nahwärmenetz.
Die Fassade wie auch die Konstruktion des Tragwerks besteht aus heimischer Weißtanne, somit konnte unter dem Stichwort der regionalen Wertschöpfung und der kleinen Kreisläufe Holz aus der Umgebung verwendet werden. Im Inneren trifft man auf ein ausgewogenes Verhältnis der verwendeten Materialien. Verschiedene Holzarten, Bekleidungen und Verarbeitungen – mal sägerau, mal gebürstet, mal gehobelt –, ergeben feine, gestalterische Differenzierungen.
Der Neubau kommt nicht effekthascherisch daher, sondern fügt sich wie selbstverständlich in das Dorfgefüge, passt sich durch seine Differenzierung in drei Gebäudeteile mit schmalen Gassen dazwischen der kleinteiligen Umgebung an und wirkt so zugleich offen und durchlässig. Im Raumprogramm flexibel, vermag er sich wechselnden Nutzern im Laufe der Zeit anzupassen. Hier ist tatsächlich ein »Haus der Zukunft« entstanden, wie es durch die Teilnahme an der gleichnamigen Initiative im Rahmen des Impulsprogramms »Nachhaltig Wirtschaften« fokussiert wurde. Zu verdanken ist dies einer langen, wohlüberlegten Vorplanung und einem Bauteam aus Planenden, Ausführenden und Bauherren, die sich hier kaum auf nur zwei oder drei wesentlich Verantwortliche reduzieren lassen. •
  • Bauherr • Client: Gemeinde Ludesch (A) Architekten • Architects: Hermann Kaufmann ZT GmbH, Schwarzach Mitarbeiter • Project team: Martin Längle, Norbert Kaufmann; Projektleitung • Project leader: Roland Wehinger Tragwerksplanung • Structural engineering: Mader & Flatz Ziviltechniker, Bregenz/Dornbirn; merz kaufmann partner, Dornbirn; Zementol Vertriebsges.mbH, Dornbirn HLS Planung • Heating, ventilation and sanitation planning: Synergy GmbH, Dornbirn Elektroplanung • Electric engineering: Wilhelm Brugger, Thüringen Bauphysik • Building physics: Bernhard Weithas Ökologische Beratung, Baubiologie • Ecological consulting, healthy building: IBO, Karl Torghele, Dornbirn Qualitätssicherung • Quality assurance: Ökoberatung Gebhard Bertsch, Ludesch Bauzeit • Construction period: Mai 2004 –November 2005 NFL • Usable area: 3135 m² Brutto-Rauminhalt • Volume: 14 500 m³ Baukosten netto • Net construction costs: 4,5 Mio. Euro Auszeichnungen • Awards: Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit 2006• Austrian State Award for Architecture and Sustainability 2006
  • Beteiligte Firmen • Other firms involved: Photovoltaik • Photovoltaics: ertex solar, Amstetten, www.ertex-solar.at (Glaselemente mit einlaminierten PV-Modulen • glass elements with PV modules); Sunways AG, Konstanz, www.ertex-solar.at (PV-Zellen • PV cells); Solartech Mathis, Lustenau (Installation) Sonnenschutz • shade system: Fesal Sonderegger GmbH, Koblach, www.ertex-solar.at / Screen Soltis, www.ertex-solar.at Passivhausfensterrahmen • Passive house window frames: Sigg GmbH&Co,KG, www.ertex-solar.at Holzbauarbeiten • Timber construction: ARGE Wucher – Sutter, Holzbau, Ludesch