Anerkennung

Bedeutend ist die Fassade, die die Vorzüge der industriellen Produktion nutzt und in die Zukunft weist: Mit einem »alten« Baustoff beziehungsweise einem traditionellen, genormten Ziegelbaustein wurde innovativ umgegangen, so dass etwas Neuartiges entstand.

  • Architekten • Architects: Bearth & Deplazes Architekten und Gramazio & Kohler Architekten
  • Text: Ulrike Kunkel Fotos • Photos: Ralph Feiner
Etwas außerhalb des kleinen Graubündner Ortes Fläsch liegt, umgeben von leicht geneigten Rebhängen, das Weingut Gantenbein. Zwei unauffällige Bestandsbauten und ein bemerkenswerter Neubau mit ornamentaler Klinkersteinfassade, die, je nach Entfernung, Blickwinkel und Lichteinfall ihre plastische Wirkung mehr oder weniger stark entfaltet. Der Erweiterungsbau war erforderlich geworden, weil das Winzerehepaar Martha und Daniel Gantenbein zusätzlich zur bestehenden Kellerei eine Gärhalle für zwölf Kelterbehälter einrichten wollte. Die Architekten Valentin Bearth, Andrea Deplazes und Daniel Ladner entwarfen einen zweigeschossigen Bau, der im Erdgeschoss Platz für die neuen Kelterbehälter bietet. Im Obergeschoss entstand ein heller, zu zwei Seiten verglaster Raum für Degustationen, dessen Mobiliar im Wesentlichen aus einem langen Massivholztisch und einer Küchenzeile aus Ortbeton, in die setzkastenartig Geräte und Schränke platziert wurden, besteht. Durch die lichten Vorhänge mit Rebendessin und die stoffbespannte Decke entsteht eher der Eindruck, man säße in einem Zelt als in einem Gebäude. Auf den umlaufenden Balkon kann man zu allen Seiten hinaustreten. Von hieraus führt eine im Oval geschwungene Treppe, die von einem stählernen Geländer gefasst wird, hinab in den von acht Pilzstützen getragenen Keller, der vorwiegend der Flaschenausstattung dient. Das intensive Blau des Treppengeländers nimmt die Farbe der Etiketten und Kapseln der Blauburgunderflaschen des Weinguts auf.
Ein Roboter mauert
Die Entscheidung, die Erweiterung als Betonskelettbau mit Klinkersteinausfachung zu realisieren, fiel schon bald nach Entwurfsbeginn. Für die Art der Ausfachung hatten die Architekten allerdings noch eine besondere Idee: Sie entwarfen am Computer ein Bild, das aussieht, als hätten riesige Trauben ihre Abdrücke auf der Außenhaut des Gebäudes hinterlassen. Doch der Versuch, die Mauern nach diesem Bild per Hand zu errichten, misslang, so dass eine andere Möglichkeit der Umsetzung gefunden werden musste. Genau zu der Zeit entdeckte Andrea Deplazes, der auch eine Professur an der ›
› ETH Zürich hat, am benachbarten Lehrstuhl für Digitale Fabrikation, erste Wandelemente, die ein gerade in der Erprobung befindlicher Roboter nach einem Computerbild gemauert hatte. Nach Vorgesprächen mit den jungen Assistenzprofessoren des Lehrstuhls Fabio Gramazio und Matthias Kohler konnten auch die Bauherren für das Experiment gewonnen werden: Der erste Praxiseinsatz des Mauerroboters sollte beginnen. Das Fassadenbild – 300 Quadratmeter Fassade aufgeteilt auf 72 Wandelemente – aus dem Gramazio und Kohler das Steuerungsprogramm für den Roboter entwickelten, entwarfen die Architekten gemeinsam. Das »Prinzip programmierte Mauer«, wie sie es nennen, ist einfacher als man zuerst annimmt, das Programm beträgt pro Wandelement lediglich eine halbe A4-Seite. Doch so flexibel, belastbar ›
› und präzise der Roboter auch arbeitet, er kann nicht mit Kelle und Mörtel umgehen. Die Steine sollten also mit einem Spezialklebstoff aufeinandergeleimt werden. Auch das ein Experiment – doch bereits bei den ersten Versuchen stellte sich heraus, dass die geleimten Wände sogar einen entscheidenden Vorteil haben: Sie sind im Gegensatz zu gemörtelten auch auf Biegung belastbar. Und so setzte der Roboter 28 000 Steine aufeinander, vor- und zurückspringend, genau so, wie das Programm es ihm vorgab, zwei Monate lang, zehn Stunden am Tag, bis alle Elemente fertig waren und mit dem Lastwagen zur Baustelle gebracht werden konnten. Dort wurden sie in das Betonskelett eingesetzt; im Anschluss wurden die Innenwände für die im Erdgeschoss liegende Gärhalle aus Polycarbonatstegplatten in Metallprofilen errichtet. Durch die unterschiedlich großen, lichtdurchlässigen Fugen der Außenhaut und die ebenfalls lichtdurchlässige Innenhaut entsteht auch in der Gärhalle ein abwechslungsreiches Spiel aus Licht und Schatten. Der Erweiterungsbau des Weinguts Gantenbein ist ein moderner Zweckbau, in dem funktionale Aspekte und Aspekte der Gestaltung überzeugend miteinander verschmelzen. •
A little outside the small community of Fläsch in the canton of Graubünden, surrounded by gently inclined vineyard slopes, lies the Gantenbein wine estate. Two unobtrusive older buildings and an unusual new building with an ornamental clinker brick façade that changes in appearance, depending on distance, viewing angle and the light conditions. The extension was needed because the vintners Martha and Daniel Gantenbein wanted to add to their existing winery and install a fermentation hall for twelve oak barrels. The architects Valentin Bearth, Andrea Deplazes and Daniel Ladner designed a two-storey building with space for the new oak barrels on the ground floor. The top floor is a light-filled room, glazed on two sides, for wine tasting furnished with a long solid wood table and a kitchen at one end made from cast-in-situ concrete and fitted with equipment and cabinets in the manner of a typesetter’s case. The vine-patterned light curtains and textile-lined ceiling create the impression of sitting in a tent and not in a building. There is access from all sides to the balcony that wraps around the building. From here an oval staircase with steel banister leads to the cellar, mainly used for labelling wine bottles, supported by eight mushroom columns. The intensive blue of the stairwell reflects the colour of the labels and tops of the wine estate’s Pinot Noir bottles.
A robot bricklayer
The decision to use clinker brick to fill the concrete frame was taken very soon in the design stage. However, the architects did not have any concrete ideas as to the type of infill: on the computer screen they initially created an image that looked like huge grapes had left an impression on the outer skin of the building. But the attempt to lay the bricks by hand to replicate the picture proved unsuccessful. So they had to find another method of implementing the design. This was precisely the time that Andrea Deplazes, who lectures at the ETH Zürich, discovered the first wall element laid by a robot to a computer design being tested in the neighbouring faculty for digital manufacturing. After preliminary discussions with the young lecturers and architects Fabio Gramazio and Matthias Kohler, ›
› the clients were persuaded to give the go-ahead for the experiment: the first real-world trial of the bricklaying robot was underway. The architects collaborated on the design of the façade image – 300 square metres divided into 72 wall elements. Gramazio and Kohler developed the control code for the robot. »The programmed wall«, as they call it, is simpler than one might first assume; per wall element the code is only half an A4 page. However, no matter how flexibly, untiringly and precisely the robot operates, it cannot handle a trowel and mortar. So the bricks had to be glued on top of each other with a special adhesive. This was new territory too – but the first attempts already demonstrated that the glued walls even had one outstanding advantage: in contrast with traditionally laid bricks these walls can withstand bending loads. So the ›
› robot laid 28,000 bricks, jumping to and fro, exactly as the programme specified, over a period of two months, ten hours a day until all the elements were complete and could be transported by truck to the site. Here they were fitted into the concrete frame. Afterwards the interior walls of transparent polycarbonate panels set in metal frames were installed in the fermentation hall in the ground floor. The varying gap size of the joints between the bricks allows light to enter and pass through the transparent innner skin to create an interesting interplay of light and shadow in the fermentation hall too. The extension building at Gantenbein Vineyard is a modern functional building in which functional aspects and design aspects are successfully blended. •
  • Bauherr • Client: Martha und Daniel Gantenbein, Fläsch Architekten • Architects: Bearth & Deplazes Architekten AG, Chur/Zürich; Valentin Bearth, Andrea Deplazes, Daniel Ladner Fassade • Façade: Kollaboration mit / Collaboration with Gramazio & Kohler Architekten, Zürich; Mitarbeit: Tobias Bonwetsch, Michael Knauss, Silvan Oesterle Fabrikation Fassade •Manufacture: Architektur und Digitale Fabrikation, ETH Zürich; Mitarbeit • Project team: Tobias Bonwetsch, Michael Lyrenmann, Daniel Kobel Industriepartner • Industrial partner: Keller AG Ziegeleien, Pfungen Ingenieur• Engineering: Jürg Buchli, Bauingenieur, Haldenstein Bauzeit • Construction period: März 2006–Juni 2007
  • Beteiligte Firmen • Other firms involved: Textile Deckenbespannung, Vorhänge • Textile ceiling lining, curtains: Création Baumann, Langenthal; www.creationbaumann.com Bodenleuchten • Floor lights: Zumtobel, Zürich; www.creationbaumann.com