Alte Liebe Plattenbau

Liebe Freunde,

was dem einen seine Luxusvilla, ist dem anderen sein »blokowisko«. Jedenfalls in Warschau. Vor einigen Jahren hatte Polens größte Tageszeitung, die Gazeta Wyborcza, ihre Leser gefragt »Wohnt Ihr gerne in der Platte?« und eigentlich mit einem empörten »Wie kann man nur so etwas fragen!« gerechnet. Stattdessen versicherten über 60 % der Befragten, dass sie um nichts in der Welt ihren geliebten Block verlassen würden. Seit es in Polen als hip gilt, sich ganz und gar dem Retro-Stil zu verschreiben, genießen Viertel wie die »Zoliborz-Obstgärten«, Kolo oder die berühmt-berüchtigten Wohnschränke »Hinter dem Eisernen Tor« Kultstatus.
Als der bekannte Kunsthistoriker und Architekturkritiker Jaroslaw Trybus seinen Stadtführer zur »Warschauer Platte« in einer postsozialistischen »Milchbar« vorstellt, reißen ihm die Warschauer das Werk geradezu aus den Händen. Trybus gießt sich ein Glas Kirschkompott ein und sagt mir: »Früher fanden die Menschen Warschau einfach nur hässlich. Die Stadt war grau, hektisch, laut.« Doch je länger die Volksrepublik zurückliege, desto öfter wollten die Leute wissen, wie die Architekten ihrer Viertel hießen, ob sie einen bestimmten Baustil prägten, ob deren Häuser typisch für eine bestimmte Epoche oder im Gegenteil eher untypisch waren.
Die heute so beliebten Viertel Kolo und Zoliborz-Obstgärten sind von Le Corbusier und dem Bauhaus inspiriert. »In der CIAM-Gruppe, die unter Leitung von Le Corbusier die Prinzipien moderner Architektur und Stadtentwicklung entwarf, arbeiteten auch Polen wie Helena und Szymon Syrkus aktiv mit«, so Trybus. Kolo [1] war die erste Siedlung in Warschau, die das Architekten-Ehepaar schon kurz nach dem Krieg nach diesen Prinzipien entwarf: große und kleine, lange und kurze Wohnblocks, Laubengänge und grüne Höfe, Kindergärten, Schulen, Geschäfte und Infrastrukturpunkte – an alles wurde gedacht.
Trotz der Fertigplatten wurde jedes Haus einzeln ausgearbeitet und individualisiert. Die Blocks der Zoliborz-Obstgärten hingegen wurden zwischen die bereits ausgewachsenen Kirsch- und Apfelbäume gebaut, sodass die neuen Bewohner nicht jahre- oder jahrzehntelang auf ein bisschen Grün vor ihren Fenstern warten mussten.
In den 50er Jahren entstand auf dem Gelände des ehemaligen Ghettos ein ganzer Stadtteil im Stil des klassischen Sozrealismus – Muranów [2]. »Die Leute leben gerne hier«, erzählt Trybus. »Es gibt viel Grün, die Blocks sind solide gebaut, wenn auch zum Teil mit seltsamen Steinfiguren geschmückt.« Stolz sind die Bewohner insbesondere auf das prunkvolle Kino Muranów im Untergeschoss eines langen Blocks, der mit seinem »Triumphbogen« die Visitenkarte der Siedlung darstellt. Vor dem Tor erstreckt sich eine weitläufige Terrasse, doch das Tor selbst führt nicht etwa zu einem Prachtbau, wie man erwarten könnte, sondern in einen schlichten Hinterhof.
Kurz nach Muranów entstand mitten im Herzen Warschaus, das die Deutschen im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört hatten, die Siedlung »Hinter dem Eisernen Tor«. Der Name erinnert an ein prächtiges Tor des Sächsischen Gartens. Der poetische Name sprach allerdings der Flottille Hohn, die hier auf 62 ha Brachland plötzlich auftauchte: 19 gigantische Wohnschränke [3] mit jeweils 16 Stockwerken. Insgesamt wohnen hier rund 25 000 Menschen. Die Kästen mit den endlos erscheinenden, dunklen Korridoren, den winzigen Küchen und Bädern, erschienen den Warschauern über Jahrzehnte als »Verbrechen«, das so schnell wie möglich wieder gesprengt werden sollte. Doch Wohnraum war knapp. Später stellte sich zudem heraus, dass die Blocks in hoch armiertem Ortbeton gebaut wurden und aller Wahrscheinlichkeit nach sogar einem nuklearen Angriff standhalten würden. »Die Warschauer mussten lernen, mit den Wohnsilos zu leben«, berichtet Trybus. Heute genießt »Hinter dem Eisernen Tor« Kultstatus bei Studenten und Zugereisten. In den Korridoren duftet es eher nach asiatischen Wok-Gerichten denn nach Kohl und Schweinskotelett.
»Heute werden in Polen nur noch sogenannte Apartmenthäuser gebaut«, scherzt Trybus. Der Begriff »Block« ist seit den 80er Jahren desavouiert, als rund um die Stadtzentren in ganz Polen Schlafstädte ohne jede Infrastruktur hochgezogen wurden. Doch mit steigendem Wohlstand der Gesellschaft stiegen auch die Ansprüche an Ästhetik, Wohnkomfort und energiesparendes Heizen. So werden heute die einst unansehnlich grauen Blöcke nach und nach saniert, wärmegedämmt und farbig gestrichen. Die Grünflächen mit ihren Spielplätzen, Grillöfen, Wegen für Inlineskater und Bänken zum Erholen entwickeln sich allmählich zu beliebten Treffpunkten im Viertel.
Selbst das einst verspottete »Langhaus« [4] in Praga auf dem rechten Weichselufer, auch »Ameisenhaus« genannt, ist so zu neuem Ansehen gelangt. 508 m ist es lang, vier Stockwerke hoch und reich an Legenden. So soll in den Fundamenten eine Lokomotive vom gegenüberliegenden Bahnhof eingemauert worden sein. 2004 wurde das Ameisenhaus, das von anderen Hochhäusern umgeben ist, von der britischen Band Travis in ihrem Videoclip »Love will come through« verewigt: Der Sänger kauft bei zwei jungen Roma-Schönheiten, die vor dem Block mit Trödel handeln, ein Zauberfernglas. Auf Youtube kann man sehen, dass romantische Träume selbst die melancholische Tristesse eines Warschauer blokowisko liebenswert machen.
Pozdrawiam serdecznie z Warszawy, ~Gabriele Lesser
Gabriele Lesser besuchte die Journalistenschule in Köln und studierte dort und in Frankfurt a. M. Osteuropäische Geschichte. Sie forschte mehrere Jahre in Polen, Israel und Großbritannien zu historischen Themen und publizierte mehrere Bücher. Seit 1995 arbeitet sie als Osteuropakorrespondentin, Reise- und Architekturjournalistin.