Erweiterung Flughafen Hamburg

8.20 Uhr: Abflug Hamburg

Mit der Erweiterung des Flughafens um einen neuen Terminal wird der zweite Abschnitt der bis 2008 angelegten Planung realisiert. In den fünfzehn Jahren zwischen Baubeginn und heute haben sich Betriebsabläufe und wirtschaftliche Anforderungen stark verändert. Ein so langer Enwurfsprozess ist nur mit einem tragfähigen städtebaulichen Konzept zu bewältigen. The extension of the airport with an additional Terminal concludes the second phase of the overall concept to be completed in 2008. During the 15 years between building commencement and today the organizational and economic processes have changed greatly. Such a long planning process can be managed only with a workable town planning concept.

Auf den ersten Blick scheint sich gegenüber dem vor fünfzehn Jahren fertig gestellten Terminal 4 (seit Mai Terminal 2) nicht viel verändert zu haben. Die Halle allerdings wirkt weitläufiger. Neun, statt sieben der charakteristischen, dreieckigen Fachwerksbinder lassen eine fast quadratische Grundfläche von 97 x 101 Meter entstehen, über die sich das Dach, in Analogie zu einer Flugzeugtragfläche, großzügig schwingt. Flankiert wird es von den gleichen monolithischen Büroriegeln wie sein Vorläufer. Sie bieten den Betreibern eine zusätzliche Einnahmequelle und werden in erster Linie von den am Flughafen ansässigen Dienstleistern genutzt. Die Lücke zwischen beiden Terminals, zur Zeit noch mit einem Bau aus den siebziger Jahren besetzt, wird bis 2008 mit einem dritten, baugleichen Gebäude geschlossen. Obwohl ursprünglich auch als Abflugs- und Ankunftshalle geplant, verändert sich hier die Nutzung zu einer Shopping-Mall. Die neue Funktion ist eine Reaktion auf die veränderten Bedingungen am Markt. Die Betreiber großer Verkehrsbauten sind mehr und mehr auf zusätzliche Einnahmen durch Vermietung angewiesen, ohne die die wachsenden Anforderungen an Fläche, Sicherheit und Komfort nicht zu leisten wären.

Als hätten es die Sieger des 1986 ausgelobten Wettbewerbs zur Neuordnung des Hamburger Flughafens geahnt, plante das Büro von gmp eine additive Anordnung von drei gleichen Terminals mit einem davor liegenden Pier, der wie ein Rückgrat die gesamte Anlage zusammenbindet. Die Neuordnung war notwendig geworden, nachdem 1982 die Diskussion um die Auslagerung des Flughafens in das nördlich von Hamburg gelegene Kaltenkirchen zugunsten des zentrumsnahen Standortes entschieden wurde.
Der sehr sachliche Entwurf der im Flughafenbau seit langem erfahrenen Architekten (siehe auch Seite 58) verkörpert in der gängigen Materialsprache Glas und Stahl sicher keine Architektur-Ikone, wie sie zu Beginn der Passagierluftfahrt noch möglich war – in seiner Neutralität und Funktionalität aber erweist er sich als äußerst wandlungs- und anpassungsfähig. In Zeiten des schnellen Wachstums des Verkehrsmittels Flugzeug, ausgelöst durch die Billig-Airlines, hat das Fliegen die Bedeutung des Außergewöhnlichen ohnehin verloren. Reibungslose Abläufe, gute Orientierung und Übersichtlichkeit stehen heute bei der Planung im Vordergrund.
Für die Plaza hätte kein besserer Ort als das mittlere Segment gefunden werden können. Sowohl Lufthansa-Passagiere und die seiner Star-Allianz-Partner als auch die Fluggäste der Auslandsgesellschaften betreten über die Shopping-Mall das Flughafengebäude. Der Konsum der vorbeihastenden Geschäftsleute wird sich in Grenzen halten. Es sind in erster Linie Touristen, die, nachdem alle Formalitäten erledigt sind, sich bis zu ihrem Abflug in der Fernweh-Glitzerwelt entspannen und den einen oder anderen Euro ihrer Urlaubskasse bereits hier ausgeben werden.
Das Konzept der von der Abflugebene sich nach oben staffelnden Laden- und Besucher-, sowie Restaurant- und Loungeebenen ist für den neuen Terminal geblieben, ebenso das Mobiliar der Check-in-Schalter. Bei soviel gleichen Bausteinen könnte man vermuten, dass die Erweiterung eine höchst preiswerte Angelegenheit sei – weit gefehlt. Jürgen Hillmer, Projektleiter, klärt diesen Irrtum schnell auf. Zwischen dem ersten Bauabschnitt und dem jetzigen liegen fünfzehn Jahre, in denen sich funktionale, betriebliche und wirtschaft- liche Anforderungen stark geändert haben. Aber auch die Bautechnik konnte mit Hilfe des Computers optimiert werden, d. h. trotz des gleichen Entwurfs musste das gesamte Tragwerk der Stahlkonstruktion neu berechnet werden. Dabei flossen auch Verbesserungen aufgrund von Erfahrungen mit ein. Die gesamte Aussteifung der Glasfassade zum Rollfeld übernehmen jetzt Seile statt Stäbe. Die Stahlbaufirma, die damals lieferte und mit deutscher Gründlichkeit arbeitete, gab es nicht mehr. Die europaweite Ausschreibung führte nach Spanien, d. h. eine noch gründlichere Vorplanung war nötig, um zeitraubendes Nacharbeiten zu vermeiden. Die dynamisch geformte Stahlkonstruktion aus Gussstahl steht im bewussten Gegensatz zu den statischen Büroriegeln, die den Hallenraum begrenzen. Über diagonal gespreizte Stützenpaare wird die Dachlast in eingespannte Betonstützen eingeleitet. Das Dach ist ohne Fugen als einheitliche Schale ausgebildet und steht in sich selbst ohne weitere Aussteifungen. Zusätzlich übernimmt es die anteiligen Windkräfte aus den Fassaden auf und leitet sie in die Stützen ein.
Die Halle kommt tagsüber ohne künstliche Beleuchtung aus. Dafür sorgen große streifenförmige Einschnitte in der Dachhaut über den Bindern, die Vollverglasung zur Land- und zur Luftseite sowie der seitliche Lichteinfall oberhalb der Bürodächer. Das von allen Seiten einfallende Licht macht einen Blendschutz für die Computerarbeitsplätze zwingend. An kaum wahrnehmbaren Stahlseilen lassen sich individuell Rollos herunterziehen.
An ihrer bewährten Materialkombination – Stahl, Glas, Naturstein und Holz hält das Büro auch hier fest – alles pflegeleichte und dauerhafte Materialien, die auch nach vielen Jahren intensiver Nutzung noch schön sind. Diese Erfahrung konnten die Architekten mit dem Fußboden im jetzigen Terminal 4 nicht machen. Der Kunststein- belag hält den starken Beanspruchungen auf Dauer nicht stand. Für das neue Terminal wählte man einen leicht rosastichigen Naturstein, der das verwendete Kirschholz unterstreicht. Aus Holz sind hier auch die Handläufe. Eine Maxime der Architekten ist: Alles, was Menschen auf ihrem Weg zum Flugzeug »in die Hand nehmen«, soll als angenehm empfunden werden. Stahlgeländer wie im alten Terminal erfüllen diesen Zweck nicht. Die verglasten Brüstungen im neuen Terminal sind zudem preiswerter und bringen mehr Transparenz und formale Ruhe.
Die Zurückhaltung in der Farbgebung begründet Jürgen Hillmer mit der Buntheit der Passagiere – und, in der Tat, wer es wagt, an einem ersten Ferientag zu fliegen, sieht sich mit langen Schlangen fröhlich gekleideter Menschen mit ebenso buntem Gepäck konfrontiert. Noch hat der Terminal diesen Ansturm nicht erlebt. Wenn der Terminal am 26. Mai in Betrieb geht, ist es vorbei mit der Ruhe. kr
Bauherr: Flughafen Hamburg Architekten: von Gerkan, Marg und Partner, Hamburg Verantwortlicher Partner: Jürgen Hillmer Mitarbeiter: Nicolai Pix (Projektleitung), Radmila Blagovcanin, Maike Carlsen, Thomas Dammann, Renata Dipper, Ilse Gullm, Markus Helmin, Klaus Hoyer, Martina Klostermann, Maren Lucht, Jens Niemann, Annett Ohm, Ralph Preuss, Vita Römer, Susi Schlanze Hünerbein, Anne Schüler, Anne-Britt Springer, Amra Sternberg, Dirk Tietjen, Claudia Weitemeier Bauleitung: Peter Autzen, Detlef Krug, Thomas Stüwe Tragwerksplanung: Planungsgemeinschaft Flughafen (Kockjoy + Partner, Hamburg; Weber + Poll, Hamburg ) Haustechnik: Ridder, Meyn, Nuckel; Norderstedt Lichtplanung: Peter Andres, Hamburg Fassadenplanung: DS-Plan, Stuttgart Bauzeit: 1. BA / Terminal 1 (neu): 2001 – 2005 2. BA / Shopping Plaza:2005 – 2008 Bruttogeschossfläche: 1. BA: 53 000 qm 2. BA: 29 000 qm Bruttorauminhalt: 1. BA: 375 000 qm 2. BA: 203 000 qm Baukosten: 1. BA (inklusive Vorfahrtsverbreiterung): 120 Mio Euro 2. BA: 70 Mio Euro