Wer ist der Parasit?

~Ulf Meyer

Lappeenranta ist eine Universitätsstadt im Südosten von Finnland und aus russischer Sicht die erste Stadt, auf die man bei einer Fahrt in die EU trifft. Im Zentrum verschmelzen Kunst und Kommerz: Das neue Stadttheater wurde auf einer Shoppingmall gebaut. Der Zugang führt direkt von Läden und Cafés in die Welt des Theaters [7]. »Das Theater kehrt zurück zu seinen Wurzeln«, sagen die Architekten vom Büro ALA, Helsinki: »Zurück zum Marktplatz, zurück zum Volk«. Der Theaterbereich drückt sich nur im Bauvolumen aus, nicht aber in der Fassade. Sein einziger Zugang befindet sich in der Einkaufspassage. Besucher gelangen über eine große, weiße Treppe zum Foyer. Die Idee dazu stammt von »City Con«, einem großen Mall-Betreiber in Nordeuropa, der 100 Mio. Euro in die Erweiterung gesteckt hat, um den Passantenstrom zu melken. Das verantwortliche Büro für das Einkaufszentrum ist C&J architects, Helsinki.
Die Planer von ALA ihrerseits suchten den Kontrast zwischen dem Theater und seinen aufmerksamkeitsheischenden Nachbarn. Das monochrome Foyer steht deshalb im Widerspruch zu den grellen Farben der Mall. Nur ein Metallgewebe trennt es von der Einzelhandelswelt, mit der es akustisch verbunden bleibt. Eine metallisch reflektierende Folie bekleidet die Wände [8]. In ihrer Oberfläche spiegeln sich nicht nur der weiß pigmentierte Fußboden und das Geschehen im Foyer, sondern auch die Spiegelungen selbst. Die so entstehenden Bilder verwischen die Konturen des Raums. Tagsüber bringt ein Oberlicht die Farbe des Himmels auf die Oberflächen, in der Dämmerung oder bei Schnee auf dem Glasdach reflektieren die Wände die Lichter der Mall.
Alle Räume befinden sich auf derselben Ebene wie die beiden Bühnen [9], Kulissen können ebenerdig verschoben werden. Die beiden Säle sind akustisch getrennt, sodass ein Simultanbetrieb möglich ist. Die Räume verströmen »verfeinerte Rohbau-Ästhetik« (ALA), die den Werkstattcharakter moderner Theater betont. Es bietet so einen frischen Ansatz für ein Theater in einer kleinen Stadt am Rand Europas, das Kunst und Kommerz ohne falsche Scheu verbindet – auch wenn das so unbeschwert und dünkellos wohl nur im republikanischen Finnland gelingen kann.