15. Karlsruher Tagung URBANITÄT – Theorie und die aktuelle Praxis am Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

Urbane Transformationsprozesse im Fokus

Kontrollverlust und immer komplexere Prozesse führen im Städtebau zu einer Neuorientierung mit vielen Chancen, aber auch schwer kalkulierbaren Risiken. Während formale Werkzeuge an Reichweite verlieren, gewinnen improvisierte Verfahren an Bedeutung. Wohnungsnot in Ballungszentren und der Leerstand in den ländlichen Räumen spannen ein weites Spektrum von Herausforderungen auf.
Die 15. Karlsruher Tagung »URBANITÄT – Theorie und die aktuelle Praxis« am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) erörterte die aktuellen Entwicklungen des Städtebaus mit Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Planung und Kunst.
Wie entscheidend die aktive Mitwirkung von Kommunen und Anwohnern ist, unterstrich Markus Neppl vom KIT. Das von ihm entwickelte räumliche Leitbild für die Stadt Karlsruhe beruht nicht nur auf den Konzepten der beteiligten Planungsteams (berchtoldkrass space&options, Studio.Urbane Strategien und URBAN CATALYST studio), sondern erfasst auch die Mikroidentitäten der Stadtteile und die Anliegen der Bürger: Planungswerkstätten, interne Beteiligung und Ausstellungen förderten die Einbeziehung aller Planungsebenen und die langfristige, öffentliche Akzeptanz. Beispielhaft verbindet auch der langfristige Entwicklungsprozess für den Kreativpark »Alter Schlachthof« in Karlsruhe (ASTOC Architects and Planners) wirkungsvoll Top-down- und Bottom-up-Methoden. Der Blick von Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, auf internationale Initiativen wie »Yes in my backyard« (YIMBY) beleuchtete, wie soziale Netzwerke mit Festivals und Konferenzen urbane Prozesse begleiten. YIMBY kämpft v.a. in den USA offensiv und kontrovers für einfachere Genehmigungen von dichtem Geschosswohnungsbau und Änderung von alten Bebauungsplänen.
Auch die Akteure selbst verändern sich. Vor über 100 Jahren als gemeinnützige Wohnungsgesellschaft gegründet, geht die Kölner GAG Immobilien AG mit ihrem Quartiersmanagement neue Wege. Für eine Verbesserung des Wohnumfelds gründete die GAG 2016 in Köln-Bickendorf den Verein »Aktion Nachbarschaft«, mit dem das Quartier maßgeblich stabilisiert werden konnte. Kathrin Möller von der GAG präsentierte die Wohnbebauung »Grüner Weg« in Köln-Ehrenfeld (Lorber Paul Architekten/ASTOC Architects and Planners/Molestina Architekten), die für großzügige Spielflächen und eine ungewöhnliche Funktionsmischung mit Werkstätten, einer Kita und einem Theater mit dem Deutschen Bauherrenpreis 2018 ausgezeichnet wurde. Daneben erfreuen sich Blogs in den sozialen Medien mit Informationen zu den Quartieren wachsender Beliebtheit – so auch in der Wiener Seestadt Aspern. Neben sozialen Projekten, so die Münchner Stadtbaurätin Elisabeth Merk, sei eine »Stadt der verschiedenen Geschwindigkeiten« ein vielversprechender Lösungsansatz, um bei Neubauten oder im Bestand Akteure wie Genossenschaften und Investoren erfolgreich einzubeziehen.
Auch kulturelle Institutionen wie Theater und Museen können als »soziokulturelle Labore« neue Aufgaben übernehmen. Chris Dercon, damals noch Intendant der Volksbühne Berlin, berichtete über eine Kulturpraxis, die die repräsentativen Prestigebauten des Bilbao-Effekts hinter sich lässt und ambivalente Räume als Ort der künstlerischen Reflexion wählt. Die temporäre Spielstätte im Hangar 5 im ehemaligen Flughafen Berlin-Tempelhof etwa forderte Regisseure und Künstler zu einem Dialog mit der monumentalen Größe und wechselvollen Geschichte des Gebäudes heraus. Stadtspuren und historische Ereignisse stehen auch im Zentrum der Apps »Karlsruhe Maptory« und »MyCity, MySounds«, die das Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe entwickelt hat. Über 30 Orte werden mittels Augmented Reality (AR) zur digitalen Bühne. Durch inszenierte Geschichten oder musikalische Ereignisse werden die Nutzer für die urbane Transformation sensibilisiert.
~Bettina Schürkamp