das temporäre »Museum of Modern Marx« lädt zum Diskurs über städtebauliche Qualitäten ein

Städtebauliches »Kapital«

Als aus Chemnitz Karl-Marx-Stadt wurde, die sozialistische Musterstadt – Paradebeispiel sozialistischen Städtebaus – fand 1953 an der Straße der Nationen, in unmittelbarer Nachbarschaft der späteren SED-Bezirksleitung eine Porträtbüste des Stadtnamensgebers ihren Platz. Hier überdauerte der Marx-Kopf, die mit sieben Metern angeblich größte Porträtbüste der Welt, die DDR-Zeit, verlor nach der Wende seine namensgebende Bedeutung und Wertschätzung und wurde erst allmählich im Stadtbild der Nachwendezeit zu einer akzeptierten und geschätzten Größe. Jedoch nur die Büste, den Schriften des Denkers wurde hier wie auch in den restlichen Teilen der Republik nur noch wenig Interesse entgegengebracht.
Zu wenig, wie Mathias Lindner, Leiter der Neuen Sächsischen Galerie befand. Als zu den Skulpturen Projekten in Münster im vergangenen Jahr ein litauischer Künstler der Kopf ausleihen wollte, hatte Lindner mit einer Gruppe von Studenten die Idee, den dann leeren Sockel mit der beachtlichen Höhe von fünf Metern für die Zeit der Abwesenheit zu bespielen, um eine Auseinandersetzung mit Marx zu fördern. Der Philosoph blieb, weil die Chemnitzer Protest gegen die sozialistische Ferienreise erhoben, die Idee, »mit Marx mal etwas zu machen«, auch. Und das ist in der Zwischenzeit geschehen. Das Ergebnis ist das temporäre »Museum of Modern Marx«, der eingehauste Marx-Kopf – umhüllt mit einem Gerüst und verdeckt mit weißer Folie. Ein Kubus von 17 x 12 x 30 Metern, im Inneren mit einer umlaufenden Treppenlandschaft ausgestattet, erlaubt es seit Mitte Juni, dem Gesellschaftskritiker Aug in Aug gegenüberzustehen. Der Wandelgang um das Haupt des Denkers endet auf einer Plattform auf dem Kubus, der den Blick aus der Höhe auf das Chemnitzer Stadtzentrum freigibt: Mittelalterliche Geschichte, sozialistische Stadtbauexperimente von überzeugender architektonischer Qualität – leider dem langsamen Verfall preisgegeben – und die Nachwendearchitektur bieten eine beeindruckende städtebauliche Kulisse. Ein Blick, den man sich in den nächsten Wochen nicht entgehen lassen sollte. So hebt sich die ohnehin überzeugende Qualität der Architektur von Rudolf Weißers Stadthalle (1969–74) und das ebenfalls von ihm verantwortete ehemalige Interhotel, das heutige Mercure, wohltuend vor der Nachwendesünde von Hans Kollhoffs venezianischer Palastarchitektur für ein Einkaufszentrum ab, während sich Helmut Jahns großmaßstäblicher Kaufhof in das städtebauliche Konzept einfügt. Der Blick lädt ein zu einem Diskurs über städtebauliche Qualitäten und das Fortschreiben von Stadtgeschichte.

Installation: 17. Juni bis 31. August. ~elp