Scharouns Erstlingswerk

Bereits 1915 begann der Wiederaufbau der Provinz Ostpreußen nach Kriegszerstörungen. Vorbilder dafür lieferte u. a. die Werkbundausstellung in Köln 1914. Viele Architekten meldeten sich zu diesem Einsatz, darunter Hans Scharoun. Zur Seite wurden ihnen Kriegsgefangene gestellt, die beim Bauen ein Handwerk in »deutscher« Qualität lernten. In Insterburg, knapp 100 km von Königsberg, gründete Scharoun 1918 sein eigenes Büro und schuf Anfang der 20er Jahre mit der »Bunten Reihe« im Insterburger Vorort Kamswyk sein erstes eigenständiges Werk. Es zeichnete sich durch seine Farbigkeit und die plastische Ausgestaltung der Fassaden aus. Während der Sowjetzeit kümmerte sich niemand um die Siedlung: In der Bundesrepublik nahm man an, sie sei zerstört, den Sowjets war deutsches Erbe suspekt. Ergebnis: Heute ist an manchen Häusern sogar noch der Originalanstrich erhalten.

Der Architekt Dimitri Suchin und sein kürzlich ins Leben gerufener Kamswyker Kreis bemühen sich um den Erhalt der Siedlung. Unterstützung ist durchaus vorhanden, doch in erster Linie ist sie ideeller Natur. Seit 2010 wurden mehrere Workshops zur Aufnahme des aktuellen Zustands durchgeführt, Diplomarbeiten entstanden und vor drei Jahren wurde das Ensemble in die Denkmalliste eingetragen. Nun müssten größere Brötchen gebacken werden. Suchin schwebt eine »ganzheitliche« Lösung vor: eine Art Dependance der Görlitzer Denkmalakademie, in der Einheimische die notwendigen Bauhandwerke lernen können, um vor Ort die Häuser zu restaurieren – dann würden auch die täglichen Pendlerströme nach Königsberg weniger. Insterburgs Bürgermeister und die Königsberger Denkmalschutzbehörde sind ganz dafür, doch leider nicht liquide. Hierzulande fühlt sich keiner richtig zuständig: Das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz beispielsweise kann sich nur für Bauten innerhalb der Bundesrepublik engagieren, die Scharoun-Gesellschaft hat nicht genug Geld, und einzelne Vertreter der Baustoffindustrie, die durchaus Interesse hätten, wollen nicht die ersten sein. Währenddessen verfallen die Häuser weiter. Immerhin ist die Siedlung in der engeren Auswahl für die diesjährigen »7 am meisten bedrohten Denkmäler« von Europa Nostra – eine Nominierung könnte weitere ideelle, praktische und auch finanzielle Unterstützung bedeuten. Zwei Einheiten stehen zurzeit zum Verkauf, ein ganzes Haus (ca. 45 000 Euro) und ein Laden (ca. 13 000 Euro). Eine einwöchige Reise im Juni soll Interessierte zu den »deutschen« Bauten Insterburgs und der Region führen. Doch selbst wenn das Geld aufgebracht wäre, würde das Know-how zur Restaurierung fehlen. Wer hat den Mut zum nächsten Schritt? ~dr
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