Oscar Niemeyer (1907-2012)

~Katrin Voermanek

»Ich kann nicht stillsitzen, ich bin neugierig, ich will wissen.« Wenn ein 100-Jähriger so etwas über sich selbst sagt, kommt die Frage nach dem Geheimnis des gesunden Alterns gar nicht auf. In einer Lebensphase, in der andere längst in Rente und nur noch auf sehr wenige Dinge neugierig sind, war Oscar Niemeyer immer noch voller Lebenslust. Immer wieder war in Würdigungen zu lesen, der brasilianische Architekt fahre jeden Tag zur Arbeit, mache unermüdlich neue Entwürfe, rauche dazu Zigarillos, trinke Kaffee und mache kokette Bemerkungen über die Verwandtschaft zwischen den Kurven seiner Architektur und jenen des weiblichen Körperbaus. Am 5. Dezember ist Oscar Niemeyer gestorben, nur wenige Tage vor seinem 105. Geburtstag
1907 wurde er in Rio de Janeiro geboren. Nach seinem Architekturstudium begann er im Büro von Lucio Costa zu arbeiten, dem seinerzeit bekanntesten Verfechter moderner Architektur in Brasilien. Costa war – ähnlich wie Le Corbusier – zunächst prägendes Vorbild, später enger Projektpartner. Gemeinsam mit Le Corbusier bauten Costa und Niemeyer 1937-43 u. a. das Ministerium für Erziehung und Gesundheit in der damaligen Hauptstadt Rio und das 1952 vollendete Gebäude der Vereinten Nationen in New York.
Dann erhielt Niemeyer den Auftrag seines Lebens: Er wurde zum Chefarchitekten beim Bau der neuen Hauptstadt Brasilia berufen. Lucio Costa hatte den städtebaulichen Wettbewerb gewonnen, Niemeyer entwarf alle öffentlichen Gebäude. 1957-64 entstand eine Hauptstadt vom Reißbrett, mit der Grundform eines Flugzeugs. Markantester Punkt ist der Platz der drei Gewalten, auf dem der Nationalkongress mit kuppelförmigem Senatssaal, schalenförmigem Abgeordnetensaal und zwei schlanken Verwaltungshochhäusern steht.
Als Mitglied der Kommunistischen Partei erhielt Niemeyer 1964 Berufsverbot und ging ins Exil nach Europa. Erst 1982 kehrte er endgültig in sein Heimatland zurück, wo er sogleich das Bauen wieder aufnahm. Bis 1984 entstanden u. a. ein Indianer-Museum in Brasilia und das »Sambódromo« für den Karneval in Rio. 1996 wurde das an ein Ufo erinnernde Museum für zeitgenössische Kunst in Niterói eröffnet.
Niemeyer war keineswegs immer unumstritten, stets gab es Kritiker, die sein Werk als formalistisch und unfunktional bezeichneten. Walter Gropius gefiel Niemeyers Wohnhaus zwar angeblich, er fand es aber nicht gut, weil man es nicht in Serie bauen könne. Ein Hohn für Niemeyer, der an nichts weniger dachte als die Serientauglichkeit seiner Architektur. Ihm ging es um Schönheit, um Sinnlichkeit, um die Einmaligkeit jedes Orts und jeder räumlichen Erfahrung.