Kathedralen der Kultur

Ein Konzerthaus. Eine Bibliothek. Ein Gefängnis. Ein Forschungsinstitut. Ein Opernhaus. Und ein Museum. Das sind die »Kathedralen der Kultur«, die sechs Regisseure in jeweils knapp halbstündigen Beiträgen beleuchten, auf Initiative und angeführt von Wim Wenders. Bis auf zwei in der Ich-Perspektive erzählend, auf Englisch und charmanterweise jeweils mit dem landestypischen Akzent (deutsch, norwegisch, leider nicht französisch). Gespräche gezeigter Menschen werden ausgeblendet, somit bleibt die Perspektive auf dem Bau. Es ist auch so genug los, denn im Mittelpunkt stehen neben dem Gebäude gleichberechtigt die Nutzer, teilweise verliert sich sogar der Blick auf das Gebäude in Alltäglichkeiten. In anderen Beiträgen geht die Kamera so nah an die Details, dass man sie tatsächlich schon fast in der Hand spürt, die uralten Bibeln in der Russischen Nationalbibliothek [7] mit ihren weichen Seiten etwa oder die geschwungenen, im Gebrauch polierten Handgriffe der Regale. Im Umgang der Menschen mit den Bauten spürt man den Anspruch, »Kathedralen« zu zeigen: Mit der Größe des Raums oder der Wichtigkeit der Aufgabe geht auch eine Erhabenheit der Haltung einher. Die »Kultur« erschließt sich ebenfalls ohne Probleme, selbst im Beitrag über das Gefängnis Halden [8] in Norwegen. Ganz klar sprechen die an ein kleines Hotelzimmer erinnernden Zellen und das weitläufige Gelände um das Gebäude herum von einer zivilisatorischen Haltung den Gefangenen gegenüber. Die Filme sind in 3D, was richtig wunderbar beim Centre Pompidou in Paris funktioniert: Selbst nahezu schwebend, erfasst man die Tiefe und die verschiedenen Schichten der gigantischen Konstruktion. Mitunter ergibt die Technik auch seltsame Effekte, etwa wenn sich die Illustration in einer mittelalterlichen Bibel plötzlich ebenfalls in die Tiefe staffelt.

Gerade an den beiden Beiträgen ohne Ich-Perspektive werden unterschiedliche Kulturen der Kommunikation erkennbar: Während der amerikanische Film über das Salk Institute auch das Offensichtliche benennt (und dabei um einiges zu lang gerät), kommentiert der Film über die Nationalbibliothek das Gebäude durch Zitate zumeist aus der russischen Literatur (ebenfalls etwas ausufernd). Mit 156 Minuten Länge verlangt der Film dem Zuschauer einiges ab, erlaubt aber auf der anderen Seite, den Regisseuren fasziniert durch die Tiefen der Gebäude und die Geschichten, die sie erzählen, zu folgen. Ab 29. Mai im Kino. ~dr