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Foto: Urs Walder

Justus Dahinden (1925-2020)

~Hubertus Adam

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Seine Dissertation, die Justus Dahinden 1956 an der ETH Zürich einreichte, endet programmatisch: »Wir sollten unser gesamtes Projektieren auf einer neuen geistigen Grundlage aufbauen und den Weg einschlagen, der aus einer müden Mittelmäßigkeit des Bauens herausführt zur Schönheit kristalliner Architektur.« Das war eine Kampfansage an die moderate Schweizer Moderne der 50er Jahre, vorgetragen nicht ohne Sendungs- und Selbstbewusstsein von einem jungen Architekten, der auf dem Umschlag der Buchausgabe ein Foto seines gerade vollendeten Erstlings abdrucken ließ: des zeltförmigen Ferienhauses auf der Rigi. Auf Schleuderbetonrohren aufgebockt wie ein Pfahlbau, wirkt die schwebende Pyramide ebenso archaisch wie elementar und zugleich futuristisch. In den 60er und 70er Jahren machte Dahinden mit einer Vielzahl architektonischer Visionen auf sich aufmerksam. Er entwarf schwimmende Kulturinseln auf dem Zürichsee, wuchernde Siedlungshügel wie Kiryat Ono in Israel, aber auch diverse Bausysteme für wachsende Stadtstrukturen; er assoziierte sich mit der Groupe international d’architecture prospective (GIAP) in Paris. Das meiste blieb Utopie, doch erstaunlich viele Ideen konnte der stets forschende und seine Gedanken medial verbreitende Architekt umsetzen – der Bogen spannt sich vom Feriendorf Bosco della Bella im Tessin (1962) über das Trigon-Dorf in Zürich (1969) bis zum Hotel Twannberg über dem Bielersee (1980). Dass Dahinden sich immer wieder mit Freizeitarchitekturen befasste, mag mit seiner Herkunft aus einer Hoteliersfamilie zusammenhängen. Legendär war das nur kurzfristig bestehende Schwabylon in München (1974), ein Unterhaltungskomplex samt Großdisco, das mit der riesigen Sonne auf der Fassade als ein Beispiel für Pop-Art in der Architektur verstanden werden kann. Schon zuvor hatte er in München zusammen mit dem Bildhauer ‧Bruno Weber das Tantris (1971) errichtet, das dank Eckart Witzigmann und seiner Nouvelle Cuisine den Rahmen für eine kulinarische Revolution bot (s. db 6/2013, S. 56).

Die wichtigste Konstante im Schaffen von Justus Dahinden aber stellte der Kirchenbau dar. Der gläubige Katholik, der sich für diverse Formen der Spiritualität begeistern konnte, so auch für den Ashram Auroville, errichtete mehr als 30 Sakralbauten, in der Schweiz und in Uganda, in Italien und in Deutschland. Oft in Zeltform oder mit kreisförmigen Grundrissen und gemäß den Postulaten des Zweiten Vatikanums dezidiert als Architekturen für die Gemeinschaft der Gläubigen.

Dahinden, der sich stets als Einzelgänger [1] bezeichnete, blieb bis ins hohe Lebensalter – später auch zusammen mit seinem Sohn Ivo – beruflich tätig. Im Zuge einer die deutschschweizer Architektur seit den 80er Jahren dominierenden Neuen Einfachheit geriet sein Œuvre aus dem Fokus, wurde mitunter gar diskreditiert. Um so erfreulicher, dass eine junge Generation von Architekten in den letzten Jahren die formale Kraft und das visionäre Potenzial der Bauten von Justus Dahinden wieder neu entdeckt, der ohne Zweifel zu den wichtigsten und produktivsten, v. a. aber auch: visionärsten Schweizer Architekten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zählt.

Am 11. April ist er in Zürich verstorben.

[1] So auch 2014 in einem Interview mit Köbi Gantenbein. Es erscheint im Juni im Buch »Im Rückspiegel«, hrsg. von Axel Simon in der Edition Hochparterre, mit Gesprächen mit 50 Protagonistinnen und Protagonisten der Schweizer Architektur der Jahrgänge 1925-40.