In neuem Licht

~Ulf Meyer

Der Alte Dorotheenstädtische Friedhof in der Chausseestraße in Berlin-Mitte gilt als prominentester der Hauptstadt: Hier liegen Hegel und Fichte, Schinkel und Stüler, Brecht und Weigel und viele andere begraben. Die 1928 fertiggestellte tempelartige Trauerkapelle (Architekt: Hugo Becker) wurde vom Berliner Architekturbüro Nedelykov Moreira während zwei Jahren nicht nur umfassend saniert, sondern zugleich zum Kunstort mit einer großen Lichtinstallation des US-amerikanischen Künstlers James Turrell umgestaltet. Die Zusammenarbeit entstand, weil sich die Auftraggeber, der Ev. Friedhofsverband Berlin-Stadtmitte und die Stiftung Historische Friedhöfe in Berlin-Brandenburg, wünschten, dass die Installation ein dezidiert christliches Verständnis von Tod und Auferstehung widerspiegeln möge. Für James Turrell, der bei einer Begehung mit dem Kunstbeauftragten der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Christhard-Georg Neubert, spontan seine Beteiligung zugesagt hatte, ist Licht eine Substanz, mit der er Räume füllt. Damit kann man ihn in der christlichen Bautradition, in der Licht mehr als eine Metapher, sondern ein Baustoff ist, sehen. Im Zuge der Umgestaltung hat die kleine Kapelle, die nun wieder für Trauerfeiern genutzt werden kann, auch neue Böden aus Kalkstein und Schiefer sowie eine Tonnendecke bekommen, eine exzellente »Leinwand« für die Installation. Eine Stunde vor Sonnenuntergang setzt die Schau in der Kapelle ein: Wände, Altar und Apsis beginnen in verschiedenen Farben zu changieren und zu glühen. Eingelassene Leuchtdioden hinter mattiertem Acrylglas schimmern blau, mintgrün, pink und gelb. Zu anderen Tageszeiten werden die liturgischen Farben des Kirchenkalenders – grün, rot, violett, weiß – gezeigt. Die Lichttechnik ermöglicht übergangsloses Wechseln der Farben und damit schier endlose Variationen. Zwischen der »Metaphysik des Lichts« und einer Lichtorgel liegt allerdings nur ein schmaler Grat. Wie zuvor auf der japanischen Insel Naoshima gelingt es Turrell jedoch auch in Berlin, einem Sakralraum eine fast mystische Aura zu verleihen. Die Lichtquellen selbst bleiben unsichtbar, und so vermittelt der farbige Schein in der Berliner Kapelle ein Gefühl von Unendlichkeit.
Dass dieses Kunstwerk Wirklichkeit wurde, verdankt sich nicht nur der spontanen Zusage Turrells, sondern auch dem intensiven Dialog zwischen Künstler, Architekten und Bauherren, insbesondere Jürgen Quandt, Geschäftsführer des Ev. Friedhofsverbands, sowie der großzügigen Spende eines Berliner Bürgers.
Bis Weihnachten finden freitags, samstags und montags um 15.30 Uhr Kapellenführungen statt, die Lichtkunst wird montags um 17 Uhr präsentiert.
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