Höre deine Stadt

28 Stunden für alle Sinne: Das war »One Day in Life«, ein Konzertmarathon in Frankfurt a. M., den Daniel Libeskind für die Alte Oper Frankfurt entwickelt hat. In unterschiedlichen Tempi bewegte man sich durch die Stadt – mit der U- und S-Bahn, zu Fuß und mit dem Fahrrad, um zwischendurch zum völligen physischen Stillstand zu kommen; während der Konzerte nahmen Ohren, Augen, Nase und Haut die Eigenheiten der Orte und der Musik auf, die jeweils durch eine »Grunddimension der menschlichen Existenz« verknüpft waren: eher Naheliegendes wie »Bewegung« in einer Straßenbahn [12], aber auch »Arbeit« im nach Gummi riechenden Betriebshof, wo Mozarts erhabenes Requiem als Krönung eines musikalischen Lebenswerks gedanklich mit öliger Handarbeit und akustisch mit dem Quietschen und Rumpeln langsam vorbeifahrender ICEs und S-Bahnen verwoben wurde.

Besonders eindrucksvoll, wenn auch vom Konzept her fast schon zu einfach, geriet »Erinnerung« im Hochbunker der »Initiative 9. November« [13]: Der Gegensatz zwischen dem grellen, schwül-warmen Tag draußen und der Kälte im halbdunklen, von französischen Kriegsgefangenen erbauten Betonkoloss bildete eine zwingende Szenerie für die Musik, u. a. »Erinnere Dich, was sie Dir in Auschwitz angetan haben« von Luigi Nono von 1965 – auf dem heimischen Sofa oder im Polsterstuhl der Oper hätte sie nie diese Wirkung entfaltet.
Für alle, die nicht dabei waren, stehen zwei Konzerte bis Mitte August auf der Website von Arte zum Nachhören bereit. ~dr
concert.arte.tv/de/onedayinlife-aimard-libeskind