Genau hinschauen

Schimmel ist nach wie vor ein heißes Thema, und so nahm sie auch auf den zweitägigen 45. Aachener Bausachverständigentagen einen ganzen Block ein. Die Vortragenden Nicole Richardson (s. db 3/2016, S. 128) und Thomas Warscheid gingen auf die vielfältigen Aspekte von Schimmel ein – dass nicht nur Messungen Handlungsbedarf anzeigen, sondern auch subjektive Faktoren wie Gerüche (die zumeist messtechnisch nicht nachweisbar sind). Beide plädierten vor den 1 100 Sachverständigen und Planern für angemessene Entscheidungen aufgrund fachlicher Expertise – nicht jeder Estrich, auf dem in der Neubauphase Schimmel nachgewiesen werde, müsse ausgetauscht werden; oft sei er nur an den Schuhen hereingeschleppt worden und ein Sporennachweis mitnichten ein Indiz für einen Schaden. »Volkswirtschaftlich geht das so nicht mehr weiter«, war das Fazit von Thomas Warscheid – aber auch einer mittlerweile wahrzunehmenden Hysterie in der Bevölkerung müsse man sachlich und einfühlsam entgegentreten.

Um andere Schadstoffe ging es ebenfalls: z. B. Asbest – hier wird in den kommenden Monaten der Abschlussbericht im Nationalen Asbestdialog plus Maßnahmenpaket erwartet; der Stand der Normung in Sachen Radon (s. db 3/2019, S. 122); und die absurde Situation, dass Baustoffe, etwa Lacke und Farben, aufwendig geprüft werden, Anwender aber kaum die Möglichkeit haben, ein emissionsarmes Produkt auf Anhieb zu erkennen. Das liegt daran, dass es keine verlässlichen Kennzeichnungen gibt (außer dem guten alten Blauen Engel, der auch strenger sein könnte) und man, so Oliver Jann von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung, weder auf der Baustelle noch an der Baumarktkasse damit rechnen könne, Deklarationen oder Klassifizierungen vorgelegt zu bekommen.

Es wurde viel über die Praktikabilität der neuen Regelungen nach dem EUGH-Urteil gesprochen. Als Eindruck bleibt: Normen werden viel länger, weil sie unendlich viele Anhänge haben, Planer und Sachverständige werden noch mehr lesen müssen. Ein wunderbares Beispiel von Michael Raupauch vom ibac/RWTH Aachen zeigte, wie weit der Gedanke der Verlinkung gerade in der MVVTB Fuß gefasst hat: Bis man eine konkrete Information findet, wird man mitunter von Text zu Anhang zu Tabelle und noch einmal ums Eck geschickt – »nun fühlt man sich etwas einsam« (Raupach). Vielleicht sollten die Kammern hier gezielt Kurse anbieten?

Inmitten des Wusts an europäischen Vorschriften, Abkürzungen und juristischen Feinheiten war man für ganz praktische Hinweise zwischendurch sehr dankbar: etwa für die simple Vorstellung neuer großformatiger Mauerelemente oder dass es bei der Berechnung eines U-Werts an perimetergedämmten Konstruktionen auf das angrenzende Erdreich und den geplanten Aufbau ankommt – Staunässe, tragende Funktion, Gründach? –, was durchaus Auswirkungen auf die Gewährung von KfW-Geldern haben kann. Ratschlag: Nicht auf Prospektangaben verlassen, durchrechnen lassen, in der Ausschreibung genau definieren oder lieber eine höhere WLG ansetzen.

Der Tagungsband mit allen Vorträgen ist voraussichtlich im November erhältlich. ~dr

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