GEHRY ZUM 1., 2., 3.

~Hartmut Möller

Einem erlauchten Publikum bot sich am 19. Mai in Chicago die seltene Gelegenheit zum Erwerb eines waschechten Frank-Gehry-Baus. Bei erwartetem Versteigerungserlös zwischen 1 und 1,5 Mio. US-Dollar wurde über das renommierte Auktionshaus Wright ein Frühwerk des kalifornischen Architekten aufgerufen, das in dessen Œuvre eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Die damaligen Auftraggeber wünschten sich eine Besucherunterkunft als Komplementär zu ihrem von Philip Johnson rational-nüchtern geplanten Haupthaus. Inspiriert durch die Flaschen, Vasen und Schachteln der Stillleben des italienischen Malers Giorgio Morandi entwickelte Gehry eine bewohnbare Skulptur aus sechs Volumina. Akzentuiert sind diese ungleich geometrischen Körper durch jeweils unterschiedliche Fassaden in Farbe und Material. Um den als Wohnzimmer genutzten, zentralen Kegelstumpf (schwarze Metallplatten) gruppieren sich wie eine Miniaturstadt zwei Schlafräume (schwarze Metallplatten, sandfarbener Dolomitkalkstein), ein Kaminzimmer (rotbrauner Klinker), Garage und Küche (finnisches Sperrholz und Aluminiumpaneele) sowie ein Loftaufsatz (verzinktes Blech). Das gut 200 m² große, preisgekrönte Kleinod scheint Gehrys Handschrift für spätere, weltberühmte Gebäude geradezu vorwegzunehmen.
Das 1987 fertiggestellte »Winton Guest House« hat zudem eine im Wortsinn bewegte Vergangenheit. Nachdem die Bauherren ihr Grundstück verkauften, stiftete der neue Eigentümer das Kunstwerk 2007 dem Kunstdepartment der University of St. Thomas in Minneapolis. Diese wiederum ließ es rund 180 km nach Süden verfrachten, wo es auf einer üppigen Gartenfläche die ihr zugedachte Wirkung erneut entfalten konnte. Eine mit der Herkulesaufgabe betraute Spezialfirma zerlegte das Bauwerk hierfür behutsam und verlud die bis zu 80 t schweren Teile über einen Zeitraum von acht Monaten auf Tieflader; ein weiterer Betrieb widmete sich der ausgiebigen Renovierung. Die seit 2011 öffentlich zugängliche Ikone diente in vielerlei Hinsicht als Studien- und Ausstellungsobjekt. Gehry selbst attestierte dem wiederhergestellten Ensemble mit dem für ihn typischen Humor eine zu 93,6 % korrekte Ausführung. Doch mit Veräußerung der Liegenschaft durch die Hochschule 2014 war dessen Schicksal abermals ungewiss. Vermutlich kann der neue Besitzer zwar auf jüngste Transporterfahrungen zurückgreifen, dennoch wünscht man dem Kunstwerk einen stabilen Hintergrund, damit ihm in Zukunft kein Weltenbummler-Dasein droht. Eine beeindruckende Kurzdokumentation ist einstweilen auf Youtube zu sehen.