Frei Otto (1925-2015)

~Falk Jaeger

Man hat ihn, seiner fantastischen Utopien und luziden Zeichnungen wegen, mit Bruno Taut verglichen. Doch der Architekt und Ingenieur Frei Otto begann, wo Taut aufhörte, erst richtig mit der Arbeit, denn er wollte wissen, wie man diese Utopien bauen könnte.
1925 im sächsischen Siegmar geboren, war er als Segelflieger über den Flugzeugbau mit leichten Konstruktionen in Berührung gekommen. Nach dem Architekturstudium in Berlin schrieb er seine Dissertation »Das hängende Dach«. Die Universität Stuttgart holte ihn daraufhin ins Land der Tüftler, wo er 1964 das Institut für leichte Flächentragwerke IL und den Sonderforschungsbereich SFB 64 gründete. Dort befasste er sich anfangs mit Hängekonstruktionen. Der deutsche Pavillon der EXPO 1967 in Montreal und das berühmte Olympiadach in München (1972) entstammen dieser Entwicklungslinie, an deren Anfang Ottos Untersuchungen von Spinnennetzen standen. Dann weitete sich sein Blick auf andere natürliche Konstruktionen: Interdisziplinär wurden Zellen und Knochen, Baumstämme und Grashalme, Termitenhügel, Kieselalgen und Seifenblasen unter die Lupe genommen.
An seinem Institut gingen die besten Forscher ein und aus, nicht nur Ingenieure und Materialforscher, auch Biologen und Psychologen, denn Frei Ottos ganzheitlicher Ansatz war nicht nur darauf aus, experimentell die Natur zu befragen, berechnungs- und rechnerunterstützte Entwurfsmethoden für Flächentragwerke zu entwickeln, sondern er fragte nach den Errungenschaften für den Menschen und nach den Folgen für die Umwelt. Schon in den 60er Jahren forderte er, von Bauwerken die Gesamtenergiebilanz zu berechnen.
Er war weniger eigenständiger Architekt als vielmehr Partner bei vielen Projekten, z. B. im arabischen Raum, wo ganze Zeltdachstädte entstanden, Stadien und Paläste leicht und luftig zu überdachen waren. Für eine Pink-Floyd-Tournee entwarf er 1977 riesige transportable Schirme zur Überdachung der Showbühne.
V. a. war Frei Otto Stichwortgeber, Initiator und leidenschaftlicher Lehrer. Er scharte die engagiertesten Leute um sich, steckte sie mit seiner grenzenlosen Neugier an und animierte sie zur Teamarbeit. Wer erlebt hat, mit welcher Präsenz er Säle füllte oder wie die Mitstreiter ihm an den Lippen hingen, kann ermessen, wie er Menschen mit seinen Gedanken beeinflusst hat, die dann seine Ideen und seine Haltung in die Welt trugen.
Seinen 90. Geburtstag am 31. Mai durfte der am 9. März verstorbene Frei Otto nicht mehr erleben, wohl aber die Auszeichnung mit dem Pritzker-Preis, der ihm nun postum am 15. Mai in Miami verliehen wird.