Der New Yorker Architekt Ieoh Ming Pei starb im Alter von 102 Jahren

Keine Angst vor der Monumentalität

Das Lächeln war sein Markenzeichen. Ausnehmend freundlich begegnete er selbst seinen Kritikern, charmant umgarnte er all jene, die als Bauherrenklientel infrage kamen.
Ieoh Ming Pei, Sohn eines Bankdirektors aus dem chinesischen Suzhou, ging mit 18 Jahren in die USA, um zunächst am MIT in Boston Architektur zu studieren. In Harvard traf er dann 1942 auf Walter Gropius, dessen Assistent und Mitarbeiter er wurde. Anders als der etwas ältere Philip Johnson oder die etwas jüngeren Robert Venturi oder Charles Moore blieb er seinen bei Gropius gewonnenen Überzeugungen treu und galt zeitlebens als unerschütterlicher Protagonist der Moderne.
1949, bei Beendigung seiner Studien, standen die Zeiten nicht auf Rückkehr nach China. Er erwarb 1955 die amerikanische Staatsbürgerschaft und gründete sein erstes Büro. Es gelang ihm, gesellschaftlich in die entscheidenden Kreise der potenziellen Bauherren an der Ostküste aufzusteigen. Insbesondere, als er die Gunst Jacqueline Kennedys gewann und von ihr 1964 beauftragt wurde, die Gedenkbibliothek ihres Mannes zu bauen, war er in der amerikanischen Oberschicht angekommen.
Entscheidendes Renommee brachte ihm 1968 der Auftrag für die Erweiterung des National Museums in Washington, das schon seine Vorliebe für dramatische Räume und signifikante Großformen zeigte. Einen Individualstil hat er gleichwohl nie entwickelt. Stets war ihm der Kontext wichtiger als die exaltierte Demonstration eigener Genialität.
Sein wohl bekanntestes Werk ist seine Arbeit 1989 am Pariser Louvre, die immer auf die erstaunliche Glaspyramide im Ehrenhof reduziert wird. Doch wichtiger noch als das populäre Eingangsbauwerk ist die Realisierung seiner räumlichen Konzeption, der unterirdischen Kanalisierung der Besuchermassen, der Erschließung der Gebäudeflügel und die Überdachung der Innenhöfe als Atrien.
Mit der Zeit wuchs er über seinen Lehrmeister Gropius weit hinaus. Puristische, nüchterne Moderne wird nicht geliebt, das wusste er, und so erweiterte er sie um emotionale Elemente, schwelgte in Raum und Licht und kannte keine Angst vor der Monumentalität ikonischer Großformen.
Die Bank of China in Hongkong (1982-90) hätte auch eine Mies’sche Schuhschachtel sein können. Pei entwarf sie als ein von Dreiecken in Grund und Aufriss dominiertes Hochhaus, das noch heute aus der ringsum nachgewachsenen Turmfamilie heraussticht.
Peis Büro in wechselnden Partnerschaften war weltweit mit den verschiedensten Bauaufgaben erfolgreich. Ihm selbst lagen immer die Museumsbauten am Herzen, die er z.B. in Luxemburg, in Kyoto und zuletzt in Doha realisieren konnte. Aufträge, zu denen er sich bitten ließ, denn die Mühsal der Wettbewerbsverfahren konnte er sich sparen. So auch beim Deutschen Historischen Museum in Berlin, zu dem er sich 1997 von Kanzler Helmut Kohl überreden ließ. Peis monumental-moderner Bau mit der dynamisch geschwungenen Glasfront und dem kapriziösen gläsernen Treppenhaus wird seitdem von den Berlinern trotz gewisser gestalterischer Ungereimtheiten und funktionaler Mängel tapfer als Mini-Louvre gefeiert.
Am 16. Mai ist Ieoh Ming Pei in New York im Alter von 102 Jahren gestorben.



Luxemburg: An der Place de l’Europe


»Le Grand Louvre« in Paris (F)