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Foto: picture alliance/Photoshot
Nachruf

Charles Jencks (1939-2019)

Ihm gelang etwas, das Architekturhistorikern und -theoretikern nur selten vergönnt ist, nämlich die Ästhetik im Bauen in eine ganz neue Richtung zu beeinflussen: Charles Jencks, der am 13. Oktober im Alter von 80 Jahren in London verstarb. Einer der Schöpfer des Begriffs »Postmoderne«.

Geboren wurde er in Baltimore, Maryland (USA) als Sohn des Komponisten Gardner Platt Jencks und Ruth DeWitt Pearls, machte 1961 seinen Bachelor in Englischer Literatur in Harvard und den Architekturabschluss ebenfalls in Harvard vier Jahre später. Im gleichen Jahr ging er nach Großbritannien und erhielt 1970 am University College London seinen Doktor in Architekturgeschichte. Diese breite Ausbildung prägte seine mehr als 30 Bücher und unzähligen Zeitschriftenartikel, von denen einige bis heute als herausragend gelten dürfen. Dazu gehört v. a. »Modern Movements in Architecture«, 1973 erschienen. Er entriss mit großem sprachlichen Furor die vielen Modernen des 20. Jahrhunderts der Vergessenheit; gerade in diesem Bauhaus-Jahr, in der oft eine scheinbare Ausweglosigkeit des Wegs zum Funktionalismus à la Gropius konstruiert wird, ist es gut, sich dies Buch wieder zur Hand zu nehmen. Und dann »The Language of Postmodern Architecture« von 1977 (deutsch 1978), das Theorien der Literaturgeschichte auf die Architektur übertrug. Bis heute kann man sich leidenschaftlich über dieses Buch und seine methodisch mit der Konzentration auf Fassaden eher fatalen, ästhetisch aber auch aus dem Raster der Glaskisten und Betonraster befreienden Thesen erbittert streiten. Welcher Architekturtheorie gelingt das heute noch?

Nach dem Tod seiner zweiten Frau, der Gartenhistorikerin Maggie Keswick (»The Chinese Garden«) 1995 wurde Jencks einer der einflussreichsten Kämpfer für eine bessere Versorgung von Krebspatienten. Deren Erfolg verschleierte ebenso wie die heftige Debatte um seine Bücher, dass Jencks auch zu den bedeutenden britischen Landschaftsarchitekten des 20. Jahrhunderts zählte. Zusammen mit Maggie Keswick entwarf er etwa den verspielten »Garden of Cosmic Speculation« für sein eigenes Haus in Schottland oder den u. a. aus langen, gegeneinander versetzten Wellen bestehenden »Jupiter Artland«-Garten. Die Schottische Nationalgalerie ließ sich ihren Garten von Jencks gestalten, Peking 2008 den Olympia-Park, im »Crawick Multiverse« beschwören lange Steinplattenreihen steinzeitliche Menhire. Alle diese Anlagen zeugen nicht nur von großer Gestaltungskraft, sondern auch vom tiefen kulturellen Wissen Jencks‘ – und von der viel zu seltenen, dann aber überaus fruchtbaren Verbindung von Geistes- und Ingenieurwissenschaften.

~Nikolaus Bernau