Brennen für die Kunst

Der fast 36 Mio. Euro teure Anbau des Sprengel Museums positioniert Hannover in der internationalen Kulturlandschaft neu. Nach rund dreijähriger Bauzeit lockte die kontrovers diskutierte Erweiterung (s. db 10/2014, S. 8) am Eröffnungswochenende Mitte September knapp 28 000 Neugierige an. Die Wogen haben sich inzwischen auf allen Seiten etwas geglättet; nach Besichtigung des scharfkantigen, anthrazitfarbenen Betonmonolithen klingen die Töne versöhnlicher. Selbstironie jedenfalls ist der Institution für moderne Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts nicht abzusprechen. Immerhin wirbt man auf Plakaten offensiv mit einem »Brikett« (so war der Riegel aufgrund seiner äußeren Erscheinung geschmäht worden) und unterstreicht dessen Güte gar mit dem Zusatz, das neue Haus brenne für die Kunst.
Ganz beiläufig machen die Verantwortlichen, aus der Not eine Tugend: Während der Einregulierung der Gebäudetechnik und Klimastabilität wird der Ort derzeit mit einer kleinen (aber feinen) Gruppenschau bespielt, die dem Bauwerk huldigt. Noch bis zum 10. Januar ist neben den zeitgenössischen Arbeiten somit der Bau nahezu pur zu genießen. Die zehn 4,80-5,70 m hohen Säle orientieren sich angenehm am menschlichen Maßstab. Ob die »tanzenden Räume« den Besucher in den vom Büro Meili, Peter Architekten gewünschten Swing versetzen, mag ein jeder für sich selbst entscheiden. Was im Grundriss augenscheinlich ist, muss vor Ort nicht zwangsläufig spürbar sein, obgleich sich die aus der Achse gedrehten Wände im Deckenspiegel ablesen lassen, der parallel zur Fassade ausgerichtet ist. In die Ecken gesetzte Durchgänge unterstützen den Effekt hingegen merklich, da diagonale Blickbezüge auf die nachfolgenden Präsentationsflächen entstehen. Einen großartigen Eindruck erzeugt die Lichtsteuerung mittels beweglicher Lamellenkonstruktion in den Oberlichtern jedes Raums. Um eine exakt bestimmte Lux-Zahl zu garantieren, kann dem natürlichen Licht während des Tagesverlaufs per Computer automatisch Kunstlicht beigemischt werden. Die Zugänge zu den Loggien sollte man im Rundgang übrigens nicht verpassen, schließlich erlauben zwei von ihnen einen herrlichen Blick auf den gegenüberliegenden Maschsee. Bindeglied zum Bestandsgebäude ist der nach Alexander Calder benannte Saal mit weitläufiger Rampen- und Treppenspirale, der auch für externe Veranstaltungen zur Verfügung steht.
Im Mai öffnet der Kunsttempel dann unter dem Titel »130 % Sprengel« (in Anspielung auf die 30-prozentige Vergrößerung der Ausstellungsflächen auf rund 7 000 m²) mit neuer Sammlungsbestückung endgültig seine Pforten.
~Hartmut Möller