Rossa im Calancatal, Graubünden

(Bau-)Kunst in der Abgeschiedenheit

Das Dorf Rossa ist das größte und am weitesten im Norden gelegene im alpinen Graubündner Calancatal, es liegt 30 km nördlich der Tessiner Kantonshauptstadt Bellinzona. Das Leben war immer hart und karg an diesen steilen Hängen, aber die Abgeschiedenheit gewährleistete auch ein großes Maß an Unabhängigkeit von den verschiedenen Landesherren. Dass die Männer die Dörfer verließen, um anderswo Geld zu verdienen und später als Rückkehrer die Lebensqualität in der Heimat zu steigern, erinnert nicht zufällig an die Geschichten so vieler Migranten unserer Tage. Irgendwann zogen die Menschen ganz weg, und die Dörfer wurden immer leerer.

In den letzten Jahren jedoch hat in Rossa eine Trendwende eingesetzt: Die heutigen Möglichkeiten – z. B. digitale Telekommunikation und die Autobahn in nur 20 km Entfernung – erlauben es, aus der Stadt wegzuziehen und die höhere Lebensqualität nun in den Bergen wiederzufinden. Rossas Bewohner identifizieren sich mit ihrem Dorf, ihrer Gegend, und haben hier ihren Lebensmittelpunkt: Gab es vor zehn Jahren nur noch 100 Einwohner, alles Erwachsene, zählt der Ort heute 160 Personen, davon wieder zehn Kinder. Das Engagement ist groß, die Bürgerbeteiligung ebenfalls und ganz konkret: Als beispielsweise der britische Künstler David Tremlett drei der 13 Kirchen und Kapellen im und um den Ort bemalen wollte, wurde darüber per Handzeichen abgestimmt. Seit letztem Jahr zieren nun abstrakte (aber nichtsdestoweniger lokale) Motive die Fassaden, ausgeführt in bemerkenswert leuchtenden Farben, die aus Mineralien des Calancatals bestehen.

Zu den Kunstprojekten gehört auch »Ispace«, eine Reihe von zehn Raumobjekten des Architekten Davide Macullo, der familiäre Wurzeln in Rossa hat und lange Jahre Projektleiter bei Mario Botta in Lugano war. Das erste davon ist im Oktober fertiggestellt worden. Die Ispaces werden an Wanderwegen im Lärchenwald um Rossa platziert sein und jeweils einen speziellen Ort bieten, um zu entschleunigen, sich mit dem Tal, seiner Geschichte und seiner großartigen Natur zu verbinden – und zugleich den Raum zu spüren. Das runde, offene Objekt etwa gibt die Möglichkeit, viele Räume auf einmal wahrzunehmen: den intimen im Innern, die unmittelbare Umgebung des Lärchenwalds, den Raum unterhalb der Felskante und natürlich den weiten Raum bis hinüber zur anderen Seite des Tals. Funktioniert offenbar: Die Rossaner lieben das Objekt und entwickeln fleißig Ideen, wie sie es in Besitz nehmen können. Es gab bereits gelungene Aktionen wie Gedichtlesungen für Kinder, manche möchten es für Yogakurse und Glühweinabende nutzen.

Damit solche Dinge entstehen, müssen viele mitspielen: nicht nur z. B. die Kirchengemeinde, sondern auch der Bürgermeister, der Förster und der Städtebauverantwortliche. Letzterer stimmte beispielsweise auch den skulpturalen Formen zweier Wohnhäuser aus dem Büro Macullo zu: dem grün-pinken »Swisshouse XXXII« von 2018 (das in Zusammenarbeit mit dem Künstler Daniel Buren entstand) und dem »Swisshouse XXXV« [21], das äußerlich die Formen der Berge und der umgebenden Dächer aufnimmt. Im Innern entstehen dadurch hohe, helle Räume mit einer speziellen Geometrie und (sichtbar belassenen) Konstruktion.

»Es ist ein guter Moment«, stellt Davide Macullo fest – ein guter Moment, die Geschichte des Dorfs weiterzuschreiben. Und so sind für die Zukunft richtig große Projekte geplant: ein Tagungshaus, ein Hotel, ein Kunstmuseum – und eine Biennale im Sommer 2021, die sich über das gesamte Tal erstrecken wird. ~dr

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