Aus 150 Jahren db

10 Mio. Flüchtlinge brauchen eine Wohnung! Was klingt wie ein Horrorszenario heutiger Rechter, war nach 1945 Realität in der Bundesrepublik – in einer zerbombten noch dazu. Insgesamt 18 Mio. Menschen waren nach dem Krieg ohne Wohnung, und selbst 1955 fehlten noch 2 Mio. Wohnungen für Familien und 1 Mio. Wohnungen für Einzelpersonenhaushalte – hiermit waren selbstredend 1-Zimmer-Buden um die 20 m² gemeint, nicht weitläufige 80 oder gar 140 m² für eine Person, die heutige Singles durchaus für sich beanspruchen, auch nicht die 46,5 m², die jeder Deutsche statistisch zur Verfügung hat. Im Gegensatz zu heute waren die Prioritäten damals ganz klar: Wohnraum schaffen, und zwar so schnell und so viel wie möglich. Was dabei herauskam, war zwar meist hellhörig, aus heutiger Sicht wärmetechnisch unzureichend und viel zu kleinteilig, doch in seiner Klarheit und bescheidenen Gediegenheit doch sehr gut geeignet, diesen vielen Menschen eine gleichwertige, demokratische Heimstatt zu bieten. Allerdings sah man das zehn Jahre später schon ganz anders: 1965 schrieb sogar die db von der »stupiden Zeilenbebauung« eines Neubaustadtteils, um einen skulpturalen Wohnturm von Hans Scharoun als lobenswert dagegenzusetzen – und ohne zu ahnen, was an Stupidität noch auf die Deutschen zukommen würde: die Großwohnsiedlungen auf der grünen Wiese des folgenden Jahrzehnts (gelungenes Gegenbeispiel s. S. 50). Die wiederum wurden 1975, dem europäischen Denkmalschutzjahr, als »ungeheuerliche Vergeudung humaner, sozialer und materieller Werte« (Richard J. Dietrich, Entwickler der »Metastadt«, in db 8/1975) und „Bauen auf Verdacht“ (Bauminister Ravens) gegeißelt. 1973 erreichte der Wohnungsbau mit unglaublichen 714 000 fertiggestellten Einheiten ihren Höhepunkt, es war die Rede von »Wohnungshalden« und rechnerisch gab es eine Wohnung für jeden, der eine Wohnung suchte. Langfristig – man befand sich ja außerdem in einer Rezession – rechnete Ravens »nur« noch mit 450 000 Wohnungen jährlich (in der kleinen Bundesrepublik, ohne DDR). Wie sehr sich die Zeiten geändert haben, zeigt die Formulierung »10-Jahres-Rekord« für rund 250 000 Wohnungen im Jahr 2014 (KfW-Pressemitteilung vom 2. März 2015).

Mit genügend Wohnraum und leidlichem Wohlstand für (fast) alle konnte man sich mit anderen Aspekten des Bauens befassen: mit soziologischen beispielsweise oder mit der akribischen Analyse dessen, was notwendig ist, um auch Familien mit Kindern, Senioren und Sozialhilfeempfängern attraktives Wohnen in der Stadt zu ermöglichen (und das z. B. an der Kreuzung von zwei Bundesstraßen in Stuttgart, db 9/1986, S. 52): Lärmabschottung, geschützte Freibereiche mit Platz zum Wäschetrocknen und Kleintierehalten, vernünftig putzbare Fenster, Wasch- und Abstellräume unter sozialer Kontrolle usw. Unter diesen Vorzeichen machte sich die Autorin sogar die Mühe, die Bewohner mittels persönlicher Befragung um ihre Meinung zu bitten und u. a. die Einrichtung ihrer Wohnung zu dokumentieren – wenn auch das Lob zeittypischer Gestaltungselemente wie gerundete Wände angesichts der eher hilflosen Möblierungen nicht ganz überzeugt.
Drei Jahre später kam die »Wende« und das Bild wandelte sich abermals. Die Ära der »schrumpfenden Städte«begann, die 2005 in der db für beendet erklärt wurde. Stattdessen ging es um den globalisierten »Wettbewerb der Städte« um solvente Einwohner, um die Bedrohung des Öffentlichen durch den Rückzug ins Private und die Homogenisierung der Nachbarschaften. Dieser Trend hält an, auch wenn etwa Baugemeinschaften dem scheinbar entgegenwirken. Was sich sonst in Sachen Wohnen in Deutschland tut, finden Sie ab S. 14 in diesem Heft.
Wie wird es wohl weitergehen, wie blicken wir in zehn Jahren auf diese Momentaufnahme? Die Wandlungen des Wohnens werden spannend bleiben. ~dr