München

WERK12

Das Werksviertel ist das derzeit spannendste Stadtentwicklungsprojekt Münchens. Bis vor gut 20 Jahren wurden hier Knödel, Kleidung, Motorräder und Schmierstoffe hergestellt. Seitdem gedeiht auf dem ehemaligen Industrieareal am Ostbahnhof eine bunte Mischung aus alten, revitalisierten und neuen Bauten für (sub)kulturelle Nutzungen, Kleingewerbe, Büros und Wohnungen. Was das Viertel als Ganzes auszeichnet, nämlich das unprätentiöse Nebeneinander von Vielfalt, prägt nun auch Werk 12 von MVRDV: Im EG befinden sich mehrere Cafés und Bars; die drei Ebenen darüber beherbergen ein Fitnesscenter; und ganz oben arbeiten Trendforscher eines Autobauers – Wand an Wand mit einem Musikclub, der seine Türen am Wochenende für Partygänger öffnet.

Wie den experimentell verspielten Neubau des niederländischen Pavillons auf der Expo2000 in Hannover konzipierten die Architekten auch Werk 12 als würfelförmigen Ebenenstapel mit flexibel nutzbaren Geschossflächen und außenliegenden Kaskadentreppen. Irgendwie scheint die bayerische Variante aber erwachsen und seriös geworden zu sein: Davon zeugen etwa das rasterförmige Tragwerk mit Stützen und Deckenplatten aus Sichtbeton sowie die konventionelle Glasfassade. Bei abendlich beleuchteten Innenräumen und erst recht bei einem Rundgang durchs Gebäude entsteht allerdings auch ein anderer Eindruck. Dann wird klar, dass die fünf jeweils 5,5 m hohen Ebenen über frei eingestellte bzw. abgehängte Zwischenebenen verfügen, sodass jeweils zweigeschossige, offene Raumlandschaften voller spannungsvoller Blickbezüge entstehen. Diese Offenheit war nur deshalb möglich, weil MVRDV auf einen mittigen Gebäudekern verzichtete. Haupttreppe und Aufzug docken stattdessen von außen an den Baukörper an, während die Kaskadentreppen nicht nur als Fluchtwege, sondern auch der Gebäudeaussteifung dienen.

Die locker an der umlaufenden Terrasse angebrachten Leuchtbuchstaben entstanden in Zusammenarbeit mit den Künstlern Christian Engelmann und Beate Engl und zeigen insgesamt sechs gängige Ausrufe in deutschsprachigen Comics. Würden diese anderswo vielleicht albern und aufgesetzt wirken – hier im Werksviertel stellen sie nachvollziehbare Bezüge sowohl zur Graffiti-Kultur als auch zu den seit jeher üblichen, weithin sichtbaren (Werbe-)Schriftzügen her.

~Roland Pawlitschko

Standort: Speicherstraße 20, 81671 München
Architekten: MVRDV, Rotterdam, mit N-V-O Nuyken von Oefele Architekten, München
Bauzeit: November 2017 bis Oktober 2019 (Eröffnung)


siehe auch: »Es geht eben doch« von Christian Holl
zum aktuellen Ausbaustand des »Werksviertels« am Münchener Ostbahnhof (Marlowes.de)