… Berlin-Wedding

Umspannwerk

~Jürgen Tietz

In Berlin, der Elektropolis der frühen Moderne, ist die Architektur der Stromversorgung untrennbar mit dem Namen Hans Heinrich Müller verbunden. Im Kontext seiner Ziegelbauten zu planen, bedeutet daher Privileg und Herausforderung zugleich. Im Wedding findet sich mit Müllers Abspannwerk Scharnhorst ein Paradebeispiel seiner ziegelstarken urbanen Industriearchitektur, die inzwischen zur Büronutzung umgewandelt wurde. Um die Europa-City hinter dem Hauptbahnhof hinreichend energetisch zu versorgen, wurde nun in unmittelbarer Nachbarschaft dieses alten Industriepalasts der Neubau eines Umspannwerks notwendig. Das haben Verena von Beckerath und Tim Heide dazu genutzt, um dem vor sich hin dümpelnden Areal zugleich einen städtebaulichen Impuls zu verleihen. Anstatt das aufgrund seiner (elektromagnetischen) Emissionen nicht unkomplizierte neue Umspannwerk irgendwo auf dem Grundstück zu verstecken, haben es Heide & von Beckerath an vorderster Straßenfront platziert, einmal abgetreppt und mit einer technisch anmutenden Fassadenhülle versehen. Die wie auf- und abwippend wirkenden vertikalen Dreieckselemente aus geriffeltem Industrieglas und die dahinter liegenden Metallelemente verleihen ihr eine sanft expressive Präsenz mit changierender Farbwirkung im Wandel des Tageslichts – eine Transformation des Müller-Baus in eine abstrakt-analoge Architektur. Das Haus erweist sich als schöner Baustein in einer bemerkenswerten städtebaulichen Intervention. Denn zwischen dem neuen Umspannwerk und dem alten Ziegel-Müller soll künftig nach Vorstellung der Architekten ein weiterer Stadtbaustein entstehen. Dessen Doppelturmfassade mit niedrigerem Zwischentrakt wurde in Abstimmung mit dem Berliner Baukollegium ebenso in dem starken Instrument eines vorhabenbezogenen B-Plans festgeschrieben wie dessen feingliedrige Fassade aus Betonlamellen. Teil des Konzepts ist zudem, das Ur-Berliner Flüsschen Panke auf der Grundstücksrückseite wieder erlebbar zu machen und damit zugleich die Radwegverbindung Richtung Mitte zu vervollständigen. Wer vom Hauptbahnhof her zu Fuß die gute viertel Stunde entlang des gruseligen Gewürges der Europa-City rechts und der skandalös belanglosen Wohnbebauung an der Lehrter Straße links auf sich nimmt, wird vor dem nicht zugänglichen Umspannwerk neben Begeisterung möglicherweise auch Trauer verspüren: Beweist das kleine feine Haus doch, dass vom präzisen Fassadendetail bis zur gelungenen städtebaulichen Gesamtdisposition selbst in Berlin baukulturelle Qualität nicht nur im Konjunktiv existiert. Sie findet eben nur viel zu selten den Weg ins aktive Präsens.

Standort: Sellerstraße 26, 13353 Berlin
Architekten:
Heide & von Beckerath, Berlin
Fertigstellung:
November 2017