Lüttich (B)

TGV-Bahnhof Liège-Guillemins

Die Hauptstadt Walloniens ist zunächst einmal grau: Schiefer, verrußte Fassaden, verrottende Industrieanlagen. Der Zugreisende bekommt bei der Einfahrt ins Maas-Tal die Klischees über die ehemals als Industriemetropole bekannte und berüchtigte Stadt zur Gänze bestätigt. Hier möchte man lieber weg als hin. Doch dann wird alles weiß, der Zug taucht ein ins Licht. Reines, sauberes Weiß flutet durch die Zugfenster: ein Traum, eine andere Welt. Der neue Hauptbahnhof »Liège-Guillemins« ist ein Ereignis.
Man mag die Proportionen der riesenhaften Halle innen wie auch in Bezug auf den Außenraum als verunglückt empfinden, die Spannrichtung der Hauptträger entlang der Gleise als konstruktiven Unsinn geißeln – der überwältigende Eindruck bleibt davon jedoch unberührt: Der Reisende steht, vor Wind und Wetter geschützt, gefühltermaßen im Freien, an einem Ort, der selbst einer trüben Nieselregen-Stimmung noch ein wenig Freundlichkeit abzuringen versteht. Noch gibt es nahezu keine Möblierung, das freie Gefühl ist ungetrübt. Die wenigen Einbauten (Aufzüge, Anzeigetafeln) sind ohne Aufhebens in einem technizistisch-minimalistischen Stil gestaltet.
Das Hauptcharakteristikum des Entwurfs wurde durch die eigentümliche Wahl der Spannrichtung erst möglich: Zwei riesige »Fenster«, die einmal zum Hang und einmal zur Stadt hin blicken, holen den Außenraum herein und präsentieren die Stadt wie in einer Vitrine. Schade nur, dass der gewählte Ausschnitt nicht viel hermacht. Die Stadtväter befinden sich jetzt in einigem Zugzwang: Von ihnen wird erwartet, den weitläufigen Platz vor dem Bahnhof von geparkten Autos zu befreien und architektonisch zu fassen. Wenn dies gelingt, macht es sicher noch mehr Spaß, das Gebäude von allen Richtungen her anzusteuern, die drei Ebenen zu durchwandern, sich die geschwungenen Geometrien über die Außentreppen zu erarbeiten oder sich im grottenhaft gestalteten EG, wo zwischen Sichtbetonrippen die Serviceeinheiten gebündelt liegen, wie Jona im Walfischbauch vorzukommen. Die unausweichlichen Ecken, worin sich Staub, Abfälle und unfeine Düfte sammeln, tun dem sicher wenig Abbruch und auch die feinen Schlieren in Grau und Rost werden nach der Überarbeitung der letzten undichten Stellen einen weißen Anstrich bekommen, der hoffentlich lange hält.

~Achim Geissinger

Standort: zwischen Rue Jonckeu und Rue Mandeville, Lüttich
Architekt: Santiago Calatrava, Zürich (CH)
Einweihung: September 2009