Zürich (CH)

Tanzhaus Zürich

Der Begriff Toblerone steht in der Schweiz nicht nur für Schokolade, sondern auch für die formal ähnlichen, auch »Höckerlinien« genannten Panzersperren aus Beton, die während des Zweiten Weltkriegs in allen Landesteilen entstanden. … und neuerdings auch für das Zentrum für zeitgenössische Choreografie und Performance am Limmatufer. Denn 60 verglaste Öffnungen in Form steiler, stehender, schmaler Trapeze prägen seine Betonfassade. Im unteren Geschoss sind die Zacken höher und breiter, im zurückgesetzten oberen niedriger und schmaler. Gemildert wird die repetitive Reihung durch die Berankung der Öffnungen.
Im Sommer fungieren die Blätter als natürlicher Sonnenschutz und machen Stores überflüssig, im Winter kann das Sonnenlicht tief in das Gebäude eindringen und trägt damit zu dessen Erwärmung bei.

Wirklich in Erscheinung tritt das in das Steilufer der Limmat eingetiefte Gebäude nur flussseitig. Deshalb erweckt die Fassade auch weniger den Anschein eines klassischen Gebäudes, sondern zeigt vielmehr eine bewusste Verwandtschaft zu den benachbarten Substruktionen aus Beton.

Zuvor stand an dieser Stelle eine Maschinenhalle der Textilindustrie, die 2012 niederbrannte. Aus versicherungsrechtlichen Gründen waren beim Neubau Standort und Volumetrie mehr oder minder zu übernehmen. Das katalanische Architekturbüro Barozzi Veiga, in der Schweiz v. a. bekannt aufgrund der Erweiterung des Bündner Kunstmuseums in Chur (s. db 10/2016, S. 80), gelang das ebenso souverän wie die Integration in das Ensemble der klassizistischen Bauten einer ehemaligen Kattunfabrik. Eine besondere Qualität liegt in der öffentlichen Zugänglichkeit: Treppen verbinden außen das als Park fungierende Dach, die Terrasse des oberen Geschosses und das Flussufer, das durch ein leichtes Zurücksetzen des Volumens aufgeweitet wurde. Der gerade im Sommer viel frequentierte Uferweg hat dadurch an Aufenthaltsqualität gewonnen. Die öffentliche Café-Bar »Nude« wird dann zum Treffpunkt von Tanzbegeisterten ebenso wie von Passanten; sie ist Teil des die gesamte Länge einnehmenden Foyers im EG. Von hier aus zugänglich sind drei Proberäume (über denen sich die Garderoben und Büros befinden) und der große doppelgeschossige Tanzsaal, der mit einer mobilen Zuschauertribüne ausgestattet ist. Sichtbeton bestimmt auch das Innere – Neutralität war hier ganz explizit gewünscht. Auch der Lichteinfall vermittels der oberen Fenster ist so reguliert, dass er die Körper der Tänzer nicht tangiert.

~Hubertus Adam

Standort: Wasserwerkstraße 127a, CH-8037 Zürich
Architekten: Barozzi Veiga, Barcelona
Bauzeit: September 2016 bis Mai 2019, Eröffnung: September 2019

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