Stuttgart

Sitzungsgebäude des Oberlandesgerichts

~Christian Marquart

Die Baugeschichte kennt ihre »Justizpaläste«: Meist wurden sie im späten Kaiserreich entworfen: Imposante Fassaden, gigantische Treppenhäuser, deprimierende Korridore – autoritäre Gesten der Macht.

Über Rechtskultur wurde und wird kaum je öffentlich debattiert. Obwohl alle Bürger in ihr leben, ist sie doch zu unanschaulich. Ihre »Form« ist die der Paragraphen, die Räume ihrer Sprache staubig und verwinkelt. Daher so naheliegend der Begriff »Winkeladvokat«.

Faszinierende Belletristik zu den Themen Recht und Justiz gibt es zu wenig. Man findet sie bei Franz Kafka und Alexander Kluge; manche ihrer Werke sind Hybride aus intelligenter Satire und kalten Dystopien.

Triftig ist die aktuelle Verschränkung moderner Rechts- und Baukultur beim Neubau des Oberlandesgerichts Stuttgart. Vier Staatsschutz-Senate werden in diesem Prozessgebäude Recht sprechen; sie teilen sich zwei helle, technisch hochgerüstete Sitzungssäle. Praktischerweise wurde das doppelstöckige Haus mit zwei bepflanzten Innenhöfen direkt im Hochsicherheitskordon der legendären Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim positioniert: Wer hier vor Gericht muss, hat es nicht weit in den Knast, wird aber an Sitzungstagen mitunter im gesicherten Zellentrakt des UGs »ambulant« heruntergekühlt.

Spiegelbild des »Staatsschutzes« ist die Figur des Extremisten – einst aus links- oder rechtsextremer Ecke. Heute springt der Terror im globalen Dreieck, mitunter in strategischer Allianz mit islamischen Fundamentalisten.

Welches Design resultiert aus diesem Szenario? Ein gebautes Manifest des souveränen Rechtsstaats: Selbst die Würde brutaler Steinzeit-Terroristen bleibt dort unangetastet. Das monolithische Prozessgebäude verbindet Präsenz, Eleganz und subtile Wehrhaftigkeit; vom massiv wirkenden Betonsockel (mit Naturstein an der Eingangsfront und hellem Wellenputz) bis hinauf zur metallisch-vertikalen Kassettenverglasung im OG.

Vergessen wir nicht, Staatsschutz meint auch Zivilisations-Raison: Wer zieht künftige Biosphären-Killer vor Gericht? In einem seiner Prosastücke stellt uns Alexander Kluge den rechtskundigen Sonderling Xaver Holtzmann vor. Der stellt eine »Eröffnungsbilanz des 21. Jahrhunderts« auf. Weil, »dies ist erheblich für den Fall einer Sammelklage, sollte der Planet vernichtet werden.«

Standort: Asperger Straße 47, 70439 Stuttgart
Architekten:
Thomas Müller Ivan Reimann, 10707 Berlin
Bauzeit:
September 2015 bis März 2019

offizielle Broschüre zum Neubau, 48 Seiten (PDF) »