Shenzhen

Neubau Börse

~Ulf Meyer

Das Börsengebäude gibt sich größte Mühe, absurd zu wirken. Ein absurdes Unterfangen, denn in der chinesischen Retortenstadt Shenzhen ist gar nichts normal: Vom 46. Stock aus blickt man vom »VIP Club« herab auf einen sterilen Idealstadt-Avatar. Die riesige Plaza 255 m tiefer ist gähnend leer. Gefasst wird sie nur von einem dreistöckigen Podium darüber, das weit über den belanglosen Hochhausschaft auskragt. Der Preis für eine derart akrobatische Tektonik ist ein aufwendiges Tragwerk, dessen diagonale Aussteifungen die Fassaden der unteren Etagen zur Gitterbox machen. Die monotone Quadratrasterfassade des 500 Mio. Dollar (etwa 370 Mio. Euro) teuren Hochhauses hingegen ist in keramik-beschichtetes, texturiertes Glas in stumpfem Grau gekleidet. Die Börse selbst nutzt nur die unteren zehn Etagen, der Rest wird vermietet.
Aktienbörsen als Bautyp sind schon lange tot. In Shenzhen schnurren nur noch riesige Server vor sich hin. Es huschen keine Händler mehr von Stand zu Stand, stattdessen verfolgen über 30 Manager bis in die Nacht das digitale Marktgeschehen auf den Monitoren. Ihre Büros verfügen über Duschen und Betten.
Städtebaulich wirkt der Neubau wie ein enigmatisches Flugobjekt. Koolhaas hat dafür zwei Entwürfe von Mies van der Rohe zusammengefügt: Das unverwirklichte McCormick Messezentrum in Chicago wurde quasi auf den Schaft des New Yorker Seagram Buildings gepfropft. Der resultierende Totempfahl des Kapitals wirkt wie ein gebautes Diagramm. Den wichtigsten Vorgang einer Börse, die Spekulation, kann es jedoch nicht abbilden. Das um 36 m erhöhte Podium soll wirken, als würde es nur von »spekulativer Euphorie« (Koolhaas) in der Höhe gehalten. 27 000 t Stahl sind nötig, um diese Illusion zu erzeugen. Die Börse in Shenzhen ist ein charmefreies Gebäude in einer charmefreien Stadt. Den vielen autistischen Riesengebäuden von Shenzhen hat Koolhaas seines hinzugefügt. Es hält unnötig großen Abstand zur Straße und den Nachbargebäuden. Es wirkt autoritär, abweisend, unmenschlich, böse, schwarz und nackt.
Die Muster der Kunststeinwände, die das Foyer und die Club-Etage prägen und an chinesische Landschaftsmalerei in Tusche erinnern sollen, entpuppen sich bei näherem Hinsehen als Kursausschläge von Aktien – eine Pointe, die sich schnell abnutzen wird.
Standort: Shen Nan Da Dao & Min Tian Lu, 518026 Shenzhen Architekten: OMA, Rotterdam, Rem Koolhaas Fertigstellung: Oktober 2013