»De Rotterdam«

… Rotterdam (NL) – »De Rotterdam«

~Paul Andreas

Im Vergleich zur Erasmus-Brücke, die sich mit ihren Spannseilen so organisch wie eine Harfe über die Nieuwe Maas biegt, ist die geballte Superdichte dieser »vertikalen Stadt« zunächst einmal ein Schock! Erst aus der Nähe wird erkennbar, dass die drei Türme, die mit jeweils 44 Etagen dicht an dicht über einem verbindenden, sechsgeschossigen Podium aufragen, allseitig zu plastischen Vor- und Rücksprüngen gestaffelt sind. Dieses dynamische Vexierspiel mildert die schiere Masse von 162 000 m² umbauten Raums. Die Verteilung der Funktionen spiegelt sich latent in den Volumetrien und Fassadengestaltungen wider: Der lang gestreckte Sockel hält neben drei, durch gerillte Sichtbetonbänder besonders artikulierte oberirdische Parketagen auch zwei Stockwerke mit Mixed-Use-Flächen und die volltransparenten, hohen wie offenen Entrees bereit.
Darüber erschließen Schnellaufzüge die jeweils 150 m hohen, eher monofunktional organisierten Türme. Im »West Tower« verbreitert sich das schmalrippige, uniforme Fassadenraster etwas für das Wohnen, mit Loggien und französischen Balkonen. Im deutlich breiter gelagerten »Midtower« befinden sich Büros – darunter die gesamte Stadtverwaltung. Ein von OMA ausgestattetes Hotel mit Außenterrasse muss sich den »East Tower« mit weiteren Büronutzungen darüber teilen – beide nicht ganz optimal mit den gleichen Ausbaurastern ausgestattet. Die gewöhnungsbedürftigen, immerhin aber doch ca. 12 m betragenden Abstände zwischen den Türmen schaffen kommunikative Sichtbezüge – man darf gespannt sein, ob sie als solche auch funktionieren. Ein gläserner Schrägaufzug, wie ihn OMA in den Initialplanungen als diagonale Verknüpfung vorsah, kam – wie es heißt – aus technischen Gründen nicht zur Ausführung: Der Aufzug wäre dafür wohl zu langsam gewesen. Er hätte dem dicht gepackten Turmcluster, das in Rem Koolhaas retroaktivem Bestseller »Delirious New York« so präfiguriert zu sein scheint, sicher mehr unvorhersehbare Zufallsbegegnungen der Nutzer beschert.
Die Lage am Amerika-Kai, von wo aus jahrzehntelang das größte jemals in den Niederlanden gebaute Passagierschiff, die »De Rotterdam«, gen Manhattan ablegte, verleiht dem Projekt eine tiefere Sinnschicht: Zumindest ideell begibt sich das 1999 geplante, wegen gefallener Baukosten erst auf dem Höhepunkt der Finanzkrise in Angriff genommene Megagebäude auf die Reise zwischen zwei Kontinenten und ihren Hochhaus-Traditionen.
Standort: Wilhelminakade, Rotterdam Architekten: OMA (Rem Koolhaas), Rotterdam Bauzeit: Dezember 2009 bis November 2013