Verwaltungsgebäude »Timmerhuis«

… Rotterdam (NL)

~Paul Andreas

Es hätte ein weiterer Beitrag zum großen urbanistischen Laboratorium Rotterdams werden können. Wie eine Clusterwolke flimmerte das Raumtragwerk über dem beinahe stützenfreien EG – nach oben zurückspringend, ohne den denkmalgeschützten 50er-Jahre-Verwaltungsbau »Timmerhuis« von J. R. A. Koops anzutasten. So erschien es zumindest im Modell, mit dem OMA unter Leitung von AMO-Direktor Reinier de Graaf 2009 den Wettbewerb gewann. Und auch wenn das alles ein bisschen wie eine aus der Schublade hervorgezauberte, zeitmodisch in die Begriffe von »pixel« und »cloud« verpackte modulare Raumstadt-Utopie der 70er Jahre wirkte, hatte die Idee doch ihren Charme: Unter dem bis ins 14. OG reichenden Wohnungscluster, dessen unregelmäßige Abstufungen um zwei Erschließungskerne herum großzügige Panorama-Dachterrassen erlauben, und einer dicken Kompaktlage städtischer Verwaltungsbüros sollte eine weiträumige, stark mit dem öffentlichen Stadtraum verwobene Agora entstehen. Schon vor Eröffnung waren alle 84 Komfort-Eigentumswohnungen verkauft. Dank eines ganz in Weiß zelebrierten Stahlfachwerks ließ sich flexibel auf die Wünsche der Eigentümer reagieren, die in ihren halb transparenten, halb mit Sonnenschutzpixeln bedruckten Glasboxen multipliziertes Penthouse-Flair genießen. In windstillen Sommern können die Wohneinheiten angenehm natürlich über riesige Balkonfenster belüftet werden – allein die Dreifach-Verglasung macht im Zusammenspiel mit Wärmetauschern und zwei energetisch aktivierten Lichthöfen aus dem Timmerhuis das nachhaltigste Gebäude der Niederlande, zumindest auf der BREEAM-Skala. Das ist ein Erfolg – und doch scheint dem Entwurf sprichwörtlich der Boden unter den Füßen entglitten zu sein: Das Bürgerzentrum, für das die flirrende Glaswolke konzipiert wurde, fiel dem Rotstift zum Opfer. Stattdessen füllt das heimatlose Stadtmuseum die programmatische Leere – eher eine Verlegenheitslösung. Ihre ästhetische Entsprechung findet sie in der Sockelfassade aus gebogenen Gläsern, die zwar transparent wie ein Vorhang ist, durch die Profilierungen und massiven Schiebetüren aber paradoxerweise erneut zur Hinterhofkulisse erstarrt und unnahbar wirkt. Eine Gebäudezone, in der die offene Stadtgesellschaft des 21. Jahrhunderts sich selbst erlebt, stellt man sich niederschwelliger und – bei aller Lust am Pixel – auch eine Nummer poröser vor.
Standort: Meent 115, 3011 HJ Rotterdam Architekten: OMA Office for Metropolitan Architecture / Reinier de Graaf, Rotterdam Bauzeit: Januar 2013 bis Dezember 2015