Bibliotheca Hertziana

… Rom (I)

~Claudius Ziehr

Es ist immer eine heikle Angelegenheit in denkmalgeschütztem Umfeld zu bauen, aber die Spanische Treppe als Nachbar stellt den Architekten vor eine fast unlösbare Aufgabe. Der Altbau der Bibliotheca Hertziana, des altehrwürdigen Max-Planck-Instituts in Rom, war wegen statischer und brandschutztechnischer Mängel von der Schließung bedroht. Doch der Neubau der Bibliotheks- und Leseräume durfte von außen nicht sichtbar sein. Auch wegen der erhaltenswerten manieristischen Fassaden mit Masken als Fenster- und Türeinrahmung.
Juan Navarro Baldeweg ist zusammen mit dem römischen Kollegen Enrico Da Gai das Wagnis eingegangen. Er gewann den Wettbewerb 1995. Die Genehmigungsphase zog sich nicht nur wegen der römischen Bürokratie, sondern auch wegen der komplizierten Finanzierung durch Bund und Länder bis 2003 hin. Der Bau selbst dauerte acht Jahre. Am meisten Schwierigkeit machte der Untergrund. Dort finden sich Teile der Villa des antiken Feldherrn und Gourmets Lucullus, die nicht durch Fundamente zerstört werden durften. So blieben nur zwei schmale Streifen entlang der alten Außenmauern für die Fundamentierung des Neubaus, in denen 178 Mikropfähle bis zu 50 m tief in den Boden getrieben wurden. Darauf liegt das 3 m hohe 1. UG, das als tragendes Element und Plattform für den Hochbau fungiert. Vom daran hängenden 2. UG sieht man durch Glasscheiben die Mosaiken der antiken Brunnenanlage.
Baldeweg konnte gegenüber dem Altbau den Nutzraum erheblich vergrößern, indem er hinter der dreistöckigen Fassade nun sechs Geschosse einbaute. Da diese als leichte Galerien um den trichterförmigen Lichthof geführt werden, kommt, trotz der niedrigen Geschosshöhen, nirgends das Gefühl der Beengung auf. Die Wegführung ist trotz der vielen Ebenen übersichtlich. Allerdings sind durch die maximale Ausnutzung des Platzes einige Arbeitsplätze auf künstliche Beleuchtung angewiesen. Durch die Farbgebung – weiße Wände, helles Holz – wirken die Räume trotzdem offen und freundlich. Der unaufdringliche Innenraum ist ein wohltuender Kontrast zum Straßenraum, der mit barocken Reizen überflutet. Nicht vergessen werden sollte, dass man von der Dachterrasse eine Aussicht vom Kapitol bis zum Petersdom hat, die kaum spektakulärer sein könnte.
Standort: Via Gregoriana 29, I-00187 Rom Architekten: Juan Navarro Baldeweg, Madrid, mit Enrico Da Gai, Rom Bauzeit: 2003 bis 2011, Eröffnung: Oktober 2012