Opernhaus

… Oslo (N) – Opernhaus

Das neue Opernhaus in Oslo ist ein zweifelsfrei schönes, aber auch widersprüchliches Bauwerk. Ohne jeden Elitegedanken will die norwegische Oper sein, was sich architektonisch in einer Anti-Ikone ausdrücken sollte. Kein gigantisches Eingangsportal, kein beeindruckend hohes Gebäude, keine riesige Saalkapazität. Stattdessen liegt, wie Rune Grasdal vom Architekturbüro Snøhetta sagt, die Monumentalität der Oper lediglich in den Ausmaßen ihrer Grundfläche. Gleichzeitig wird das neue Opernhaus in Oslo aber gerne als »Lokomotive« bezeichnet, die die Neuentwicklung des gesamten Hafengebiets in Gang bringen soll. Dafür bedurfte es dann doch einer gewissen Wahrzeichenhaftigkeit, für deren Umsetzung der Staat ein nicht gerade knauseriges Budget von 450 Millionen Euro zur Verfügung stellte.
Das Resultat ist ein spektakuläres, schneeweißes Schollengebirge, das sich aus dem Hafenbecken zu schieben scheint, in dem im Winter tatsächlich Eisschollen treiben. Als gebaute Landschaft faltet sich das begehbare Dach in die Höhe. Es ist mit 50 000 Platten aus weißem Carrara-Marmor bedeckt, die in China in Form gesägt wurden. Marmor bedeckt auch den Boden des lichtdurchfluteten Foyers, in dem eine weiße Paravent-Installation von Olafur Eliasson die Garderoben und Toiletten umhüllt und auf die holzlattenverkleideten, »aaltohaften« Rundungen des Saalvolumens trifft. Der kleine Saal bietet 500, der große etwa 1400 Sitzplätze. Im Inneren des hufeisenförmigen großen Saals setzt sich die kurvige Formensprache in den dunklen Eichenholz-Brüstungen der Ränge fort, die von einem Bootsbaubetrieb gefertigt wurden. Alle Nebenräume, Büros und Probenräume der Oper wurden in einem separaten, kubischen Volumen mit Innenhof untergebracht, das außen mit Aluminium verkleidet ist und hinter dem Saal aus der Dachlandschaft ragt.
Das Opernhaus lebt von seiner Sonderposition in der Stadtlandschaft, vom Kontrast zwischen kantigen Schollenformen und sanften Rundungen, aber auch von seiner minimalistischen Palette edler Materialien, die sich auf Marmor, Glas, Stahl und Holz beschränkt. Nichts kann so ikonenhaft sein wie eine Anti-Ikone.
~Anneke Bokern
Standort: Kirsten Flagstads Plass
Architekten: Snøhetta, Oslo (N)
Fertigstellung: April 2008