Wohnhaus »Schönholzer 15 / 16«

Neu in Berlin

~Jürgen Tietz

Bis 1989 lag die Schönholzer Straße, die parallel zur legendären Bernauer Straße verläuft, im Ostteil Berlins am Rand des sozialistischen Todesstreifens. Jetzt haben Christoph Roedig und Ulrich Schop diesen historischen Ort mit einem Neubau fortgeschrieben, der sich zwischen dem einstigen Postenweg und der ehemaligen Hinterlandmauer einfügt. Das Ergebnis ist ein für Berliner Verhältnisse bemerkenswertes Wohnhaus, stellt die Lochfassade aus Ortbeton mit ihren großen Öffnungen doch eine Besonderheit im Stadtbild dar. Die gewünschten Balkone mussten allerdings an die nach Norden orientierte Rückseite des Hauses verbannt werden, damit die einheitliche Wirkung des Straßenraums nicht gestört wird. Um dennoch nicht gänzlich auf einen offenen Wohnungsfreiraum nach Süden verzichten zu müssen, schließt sich der tragenden Betonfassade eine schmale Loggienzone an. Dahinter folgt eine zweite, gläserne Fassadenhaut. Textile, schwer entflammbare Vorhänge an den Öffnungen der Betonfassade sollen den nötigen Sonnen- und auch Sichtschutz bieten. Zwei Treppenhäuser gliedern die Doppelparzelle in drei Bereiche. In den beiden seitlichen Kompartimenten sind jeweils kleinere Maisonettes untergebracht. Dadurch eröffnet sich die Möglichkeit, im Mittelteil zwischen den Treppenhausaufgängen großzügige Wohnungen von rund 180 m² Wohnfläche unterzubringen. Das sorgt bei einer Deckenhöhe von 3 m für ein luxuriös luftiges Ambiente, das sich in den oberen Geschossen dank der großflächigen Verglasung mit einem schönen Ausblick über die Stadt verbindet.
Der besondere Clou befindet sich derzeit allerdings noch in der Findungsphase. Im EG hat der Bauherr einen multifunktionalen Theatersaal eingerichtet, der Platz für bis zu 99 Besucher bietet. Das künftige Programm, das der Bauherr noch mit verschiedenen Akteuren diskutiert, könnte dort von Schauspiel über Konzerte bis zu Lesungen reichen. Und weil die Künstler dann auch in der Stadt übernachten müssen, ergänzt im ersten OG eine »Tatami-Etage« das Raumprogramm. In ihren elf klösterlichen Zellen, die nur unwesentlich größer sind als die namensgebenden japanischen Matten, können Gäste, die keine Angst vor Gemeinschaftsbädern haben, für 50 Euro die Nacht ein Quartier finden. Angesichts dieses bemerkenswerten kollektiven Komplettangebots für Künstlergruppen darf Berlin auf das künftige Programm für den Saal gespannt sein.
Standort: Schönholzer Straße 15, 10115 Berlin Architekten: roedig . schop architekten, Berlin Bauzeit: Juni 2012 bis Januar 2015