Nationalmuseum Katar

Nationalmuseum Katar in Doha

Der Museumskomplex liegt in einem gut 11 ha großen Park, der eine beachtliche Sammlung öffentlich zugänglicher Kunstwerke bietet, und nimmt den Anfang des 20. Jahrhunderts erbauten, kürzlich renovierten Palast der regierenden Familie Al Thani von zwei Seiten her in die Zange.

Thema der Ausstellung ist Katars Vorgeschichte und seine Entwicklung als Nation. Den baulichen Rahmen bildet eine Konstruktion nach dem Vorbild einer sogenannten Wüstenrose, einem Kristallgebilde aus Sandkörnern, die in Gips oder Baryt eingebettet sind. Das Gebäude besteht aus über 500 riesigen Scheiben, die in unterschiedlichen Winkeln zueinander stehen und zum Rand hin auf schmale 2 cm zulaufen. Die Oberflächen sind mit insgesamt 76 000 geometrischen, 4 cm dicken Faserbetonplatten belegt, deren vielfältige Formen jedem Versuch, ein logisches oder repetitives Muster auszumachen, entgegenstehen.

»Katar hat eine enge Beziehung zur Wüste, zu ihrer Flora und Fauna, ihrer nomadischen Bevölkerung, ihrer langen Tradition«, erklärt Jean Nouvel, aus dessen Büro nicht nur der Entwurf, sondern auch die Leitdetailplanung stammt. »Um diese gegenläufigen Erzählungen zu vereinen, benötigte ich ein symbolisches Element – die Wüstenrosen, als winzige Architekturen, die sich durch das Werk von Wind, Salzwasser und Sand nach dem Zufallsprinzip aus dem Boden schälen.«

Die scheinbar chaotische äußere Kristallstruktur des Baus setzt sich im Innern fort. Alle Räume, die nicht der Ausstellung dienen, zeigen denselben Sandton wie die Fassaden und verbreiten eine ruhige, leicht höhlenartige Atmosphäre. Die in den Innenraum ragenden Scheibensegmente formen Wände und Decken und bilden zusammen 3 000 m² Projektionsfläche für ständig wechselnde Bilder, was das Eintauchen mit allen Sinnen in das Gebäude zusätzlich verstärkt.

Die Volumina der Galerien sind auf dramatische Weise asymmetrisch. Nouvel beschreibt sie als Folge »völliger Überraschungen: schiefe Wände und Decken, abfallende Böden; man weiß nicht, was als Nächstes kommt. Ein Spiel mit dem Unvorhersehbaren.«

Hin und wieder – insbesondere in der ersten Galerie, die Katars vorgeschichtliche Umwelt abbildet – hat das eine geradezu halluzinatorische Wirkung. In dieser Hinsicht ist der Entwurf direkt mit dem Musée du Quai Branly (s. db 11/2006, S. 6) verwandt, wo Nouvel bewusst eine Abfolge unberechenbarer, antiakademischer Begegnungen mit völkerkundlichen Ausstellungsstücken schuf.

~Jay Merrick
(Aus dem Englischen von Dagmar Ruhnau)

Standort: Museum Park St, Doha, Katar
Bauherr: Qatar Museums Authority, Doha/Katar
Architekten: Ateliers Jean Nouvel, Paris
Eröffnung: März 2019

BIM Modell: Softwaresystem von Gehry Technologies
Auftraggeber: HYUNDAI Engineering & Construction
Beratung, Bauüberwachung, Schnittstellenmanagement der Gebäudehülle, Engineering und 3D-Detail-/Fertigungsplanung für Sekundärkonstruktion, Teile der Primär-Stahlbaukonstruktion und der 3D-Glasfaserbeton-Panels-Befestigung, Level-of-Detail LOD400 BIM-Modellierung:
Werner Sobek Group, Stuttgart