Oslo (N)

Munch-Museum

~Ulf Meyer

Munch, der Schöpfer des »Schreis«, gilt als Pionier der Moderne. Als er starb, vermachte er der Stadt Oslo mehr als die Hälfte seines Werks mit der Vorgabe, die Bilder öffentlich zu zeigen. Die Sammlung umfasst mehr als 28 000 Objekte – ein Danaer-Geschenk, denn solch ein riesiges Œuvre lässt sich kaum adäquat kuratieren.

Seit der Fertigstellung der Snøhetta-Oper bemüht sich Oslo, den Erfolg der neuen Kulturbauten im Stadtzentrum fortzusetzen, und macht die Oper zum Zentrum eines Kulturviertels, zu dem auch die neue Deichman-Bibliothek (März 2020, Lund Hagem Arkitekter, Oslo) gehört.

Für das neue Munch-Museum wurde ein Architekturwettbewerb ausgelobt, bei dem das estudio Herreros den ersten Preis gewann. Der oberste Teil ihres Scheiben-Hochhauses neigt sich zur Oper hin, was – wie auch schon bei einem Wohnhochaus auf Gran Canaria – laut Büro nicht mehr als eine städtebauliche Geste sein soll.

Das Stapeln von elf riesigen Ausstellungshallen – vier davon für die Dauerausstellung – erfordert eine Erschließung für zwei Arten von Besuchern: Die spektakuläre Aussicht über Stadt und Fjord vom Café auf 58 m Höhe dürfen Besucher auch ohne Eintrittskarte genießen. Der einzige Aufzug zwischen Lobby und Aussichtsplattform sollte jedoch besser nicht ausfallen; die Feuertreppe ist zwar attraktiv gestaltet, die Höhe von 13 Stockwerken jedoch nicht für jedes Knie gut.

Zahlende Kunstfreunde hingegen können ihre Reise durch Munchs Zeit und sein Riesen-Werk ohne definierten Rundgang entweder von oben beginnen oder vom Foyer aus aufwärts. Über eine Rolltreppen-Kaskade wird ihre Bewegung durchs Haus – ähnlich wie im Centre Pompidou in Paris – architektonisch zelebriert.

Eine Glasfuge trennt die breite Basis mit Auditorien und Museumsshop vom schmalen Hochhaus mit den Galerien. Keiner der Säle hat Tageslicht. Selbst die Aussichten von den Gängen und auf der Terrasse sind »verpixelt«, weil die Aluminium-Screen-Fassaden das Gebäude ganz umkleiden. Die Lochbleche sind in vier verschiedenen Graustufen in unregelmäßig große Flächen gegliedert – ein Muster, das die Architekten in fast allen Projekten verwenden. Zu Wellen gebogen erzeugen sie irisierende Effekte.

Das neue Munch-Museum mit mehr als 26 300 m² Grundfläche ist fünfmal so groß wie das bestehende. Für einen sensiblen Künstler wie Munch scheint das Museum, das sich der fragilen, oft melancholischen Kunst von Munch widmet, grob, kalt und überdimensioniert. Die Architekten erkennen an, dass das Museum mit einem Besuch nicht zu ergründen ist. »Dann werden die Besucher eben mehrmals kommen!«, behaupten sie.

Standort: Edvard Munchs Plass 1, N-0194 Oslo
Architekten: estudio Herreros, Madrid
Bauzeit:
2016-2020, Eröffnung geplant für Herbst 2020

https://munchmuseet.no/