Louvre-Lens

… Lens (F)

~Sebastian Niemann

Auf dem Gelände einer ehemaligen Kohlemine sollten sich in der Louvre-Dependance die politischen Ambitionen zur »Transformation einer glorreichen Industriegeschichte« von Frankreichs Norden manifestieren. Die japanischen Architekten Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa haben sich jedoch gegen das Getöse großer Gesten entschieden und stattdessen das Raumprogramm in fünf einfachen Kisten horizontal über das weitläufige Areal verteilt. Die Mitte bildet ein Quadrat mit den Empfangsbereichen. An dessen gegenüberliegenden Ecken sind zwei Flügel aus jeweils zwei langgestreckten Quadern angegliedert, welche Ausstellungen, Auditorium, Lager sowie ein Zentrum für Recherchen und pädagogische Projekte beherbergen. Alle Fassaden bestehen aus gebäudehohen vertikalen Paneelen aus Glas oder eloxiertem Aluminium und bestechen durch ihre Einfachheit. Im Empfangsgebäude wird die Leichtigkeit der Architektur zudem durch das kaum merkliche Schwingen der Fassaden nach innen, die großzügige zenitale Belichtung und dünne weißlackierte Stahlstützen hervorgehoben. Den Innenräumen und dem architektonischen Ausdruck insgesamt ist das Palastartige und z. T. Überfrachtete des Pariser Mutterhauses fremd. Auf Anregung der Architekten wird der Besucher auf sehr direkte Art mit der Kunst konfrontiert. Alle Werke, auch die Gemälde, verfügen über einen weißen Sockel und wurden scheinbar zufällig im Raum verteilt. Es bildet sich ein freier Parcours durch die Kunstgeschichte, der mit der traditionellen, linearen Vermittlungsstrategie bricht und netzwerkartige Zusammenhänge thematischer Art offenbart (Museografie: Imrey Culbert, Paris).
Ob es zu der angestrebten Einheit aus Gebäude und Park kommen kann, bleibt abzuwarten. Bislang verweisen lediglich im Eingangsbereich Bänke, Leuchten und mit Gras belegte Hügel auf die zukünftige Parkgestaltung der französischen Landschaftsarchitektin Catherine Mosbach.
Womöglich wurden die Qualitäten des Orts überschätzt; die horizontale Entfaltung des Gebäudekomplexes im Landschaftsraum wirkt wie eine Miniatur der ganzen Region, birgt jedoch wenig Reibungsfläche. Der Louvre-Ableger in Lens muss eine spezifische Identität aus sich selbst heraus entwickeln – mit der Fokussierung auf den Inhalt haben SANAA dazu eine solide Grundlage geschaffen.
Standort: 6 rue Charles Lecocq, F-62300 Lens Architekten: SANAA, Tokio; Louis-Antoine Grégo Bauzeit: November 2009 bis Dezember 2012