Asylbewerberunterkunft »Vers-chez-les-Blanc«

… Lausanne (CH)

Wie anderswo auch regelt in der Schweiz der von den Gemeinden aufgestellte Bebauungsplan Ausmaß und Art der Bebauung – allerdings mit zahlreichen Auswüchsen nach dem Sankt-Florians-Prinzip, in der Art »Not In My Back Yard«.

TRIBU architecture, ein stark in das öffentliche Leben von Lausanne eingebundenes Büro, hat die Heldentat vollbracht, in solchem Rahmen, quasi »auf feindlichem Gebiet« eine Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber zu errichten. Es verstand dabei, die örtlichen, strengen und jeder Form der Veränderung entgegenstehenden Festlegungen zu umschiffen.
Die Umstände sind nicht ohne Ironie: Das Flurstück am äußeren Stadtrand, wo die örtliche Asylbehörde nun Migranten mit Bleibe- und Arbeitsperspektive in einem Doppelhaus unterbringen kann, heißt »Vers-chez-les-Blanc«, dt.: »in Richtung der Weißen«, und gleich nebenan forscht Nestlé an Ernährungsthemen und entwickelt neue Konsumprodukte.

Zwei klare, aneinander gelehnte, intensiv schwarze, weil mit karbonisiertem Holz bekleidete, Baukörper mit separaten Eingängen mildern die örtlichen Bauvorschriften ab, die für jedes Gebäude die Kubatur eines großen Chalets vorgeben. Die Architekten gaben sich Mühe, die Fassade durch subtile Vor- und Rücksprünge nicht als die eines einzelnen Hauses erscheinen zu lassen, und nehmen mit zwei flach geneigten Satteldächern unübersehbar Bezug auf die regionale Bautradition.

Mit kleinen Apartments, Zimmern für zwei Personen, gemeinschaftlichen Wohnbereichen und Küchen übernimmt das Ensemble die Typologie studentischen Wohnens. Über den Winkelzug mit den beiden »vernakulären« Dächern konnte das gemeinschaftliche Sozialwohnen in jenen normativen Rahmen eindringen, der genau diese Art von Nutzung eigentlich ausschließen sollte. Ebenso paradox: Unter der Dachneigung geht Raum verloren, was aber wiederum gerade zur Qualität des Ensembles beiträgt – eine gewinnbringende Mehrausgabe: Die Resträume, die sich aus der Geometrie unter den Dachschrägen ergeben, wurden den Gemeinschaftsräumen im 1. OG und verschiedenen Zimmern im 2. OG zugeschlagen. Daraus ergeben sich vielfältige Raumzuschnitte und der Eindruck wahrhafter Großzügigkeit trotz der eng bemessenen Flächen. Kaum möglich, dabei nicht an die japanische Moderne zu denken.

Die radikale Erscheinung des Gebäudes, intensiv in seiner Materialität, großzügig in der Ausformung und fein in der Ausführung, bringt ein sehr urbanes Ensemble hervor – und das in einer Gegend, wo zu den Lieblingsthemen der Kampf gegen den Wandel gehört.

~Christophe Catsaros
(aus dem Französischen von Achim Geissinger)

Standort: Route de Marin 5, CH-1000 Lausanne
Architekten:
TRIBU architecture, Lausanne
Bauzeit: Frühjahr 2016 bis Anfang 2018